#4 – Jürg Federspiel: „Böses. Wahn und Müll“

Provenienz: Wenn ich das wüsste. Plötzlich war es da. Wahrscheinlich ist es meinem Regal von selbst gewachsen.

Ungelesen seit: Mindestens zwei Jahren. Eher länger.

Bild4Dies ist eines der Bücher, bei denen man erst mal über den Klappentext hinwegkommen muss. Denn: „Eine quirlige, prall-packende Reportagesprache mit vielen Zwischentönen ist allen diesen Geschichten gemeinsam, die eingebettet sind in Gedichte, in innere Monologe, die poetisch spürbar machen, wie sinnenfroh und zutiefst traurig über den ‚Wahn‘ und ‚Müll‘ der Autor Jürg Federspiel ist.“

Ah ja, gut. Ich hab das nicht gespürt, nicht mal poetisch, aber vielleicht fehlen mir da auch die entscheidenden Synapsen. Um genau zu sein, würde ich vermuten, mit dem „Müll“ im Titel sind, pardon, die Gedichte gemeint. Die sind nämlich schwer erträglich. Von Jürg Federspiel stammt die Erzählung „Die Ballade von der Typhoid Mary“, die ich sehr mag. Aber die ganz kurze Form scheint nicht sein Ding gewesen zu sein.

Immerhin, es gibt ja auch noch die Geschichten im Buch. Sieben an der Zahl, sehr unterschiedlich erzählt, und eigentlich müsste man sie Reportagen nennen, wenn, ja wenn Jürg Federspiel tatsächlich immer dabei gewesen wäre. Einige davon beschäftigen sich aber mit längst vergangenen Ereignissen wie dem Brand des Wiener Ring-Theaters im Jahre 1881. Aus diesem Ereignis hat er ein schräges Dramolett gemacht. Im Porträt über den Schweizer Maler Varlin geht es nicht nur um jenen, sondern auch um die Gemeinsamkeit von Autor und Maler, umgeben von Frauen aufgewachsen zu sein. Das ist einerseits befremdlich, weil vieles andere so journalistisch daher kommt, andererseits: Egal, es ist ja auch irgendwie interessant. Halten wir uns nicht mit Stilfragen auf.

Denn ein paar der Geschichten, die Federspiel an Land gezogen hat, sind wirklich außergewöhnlich. Es geht zum Beispiel um Clarence Schmidt, der in Woodstock seit den frühen 1920er Jahren eine eigene Welt schuf: einen Wald, in dem die Bäume in Alufolie eingepackt und mit Spiegeln behängt waren, ein Haus, das nicht zum Wohnen gedacht war, und Installationen, wohin man blickte. Hier sind ein paar tolle Fotos davon zu sehen. Die ganze Pracht brannte mehrmals nieder. Dann geht es noch um eine Hippie-Kommune, die eher was von Mafia hat, um eine riesige Mülldeponie und um Madame Tussaud. Die Gute stammte nämlich aus einer Henkersfamilie, hieß mit Mädchennamen Marie Grossholz und hat eine recht interessante Lebensgeschichte.

Nebenbei erfährt man fun facts wie diesen: Das Hobby von Louis XVI war Eisenschmieden. Als er kurz vor der französischen Revolution die gerade erfundene Guillotine besichtigte, schlug er vor, das Fallbeil dreieckig statt rechteckig zu schmieden. Joseph Ignace Guillotin befand die Idee für gut. Bald darauf gehörte der Hals von Louis XVI zu den ersten, die von dieser Verbesserung profitieren durften. Da lacht das Zynikerherz!

Was jetzt? Kommt zurück ins Regal. Die Geschichten darin sind Existenzberechtigung genug.

Jürg Federspiel: „Böses. Wahn und Müll.“ Suhrkamp, Frankfurt 1990. 135 Seiten, Taschenbuch, vergriffen.

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2 Kommentare

  1. mifrba

    Federspiel ist einer meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren und definitiv ein Geheimtipp. Ich kann auch verstehen, dass einige Texte weniger gelungen sind, besonders gut haben mir aber vor allem die Erzählungen „Massaker im Mond“, „Geographie der Lust“ und „Eine Halbtagsstelle in Pompeji“. Ansonsten bin ich immer auf der Suche nach weiterem Material bzw. Rezensionen zu Federspiel.

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