#14 – Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“

Provenienz: geschenkt bekommen – es ist gerade erst erschienen. Damit ist es streng genommen keines der 45 aus meinem guten Vorsatz (genau wie „Dr. Sex“), aber man sollte ja auch nichts vor sich herschieben, nicht wahr. Vielleicht nehme ich mir dafür die Freiheit, die drei Geschichten von Edgar Wallace in einem Band auszulassen. Es sei denn, mir fällt wieder ein, warum ich die gekauft habe.

Ungelesen seit: zehn Stunden. Und dann sofort ausgelesen.

13963839224760Ildikó von Kürthy gehört zu den Autoren, denen man heute dringend zu einem Pseudonym raten würde. Dass sie keines hat, finde ich hochsympathisch. Außerdem habe ich mal in der „Zeit“ von einem Telefongespräch mit ihr gelesen, während dessen sie gefragt wurde, ob sie eigentlich nicht lieber anspruchsvolle Bücher schreiben würde. Sie antwortete sinngemäß, Walser sei ja auch nicht traurig, dass er keine witzigen Frauenromane schreiben könne. Oder war es Mosebach? Egal, ihr versteht schon. Mir gefällt diese Argumentation ausgesprochen gut, schließlich ziert mein erstes Buch ein rosa Cover, und zum Bachmann-Preis werde ich damit auch nicht eingeladen. Meine Trauer darob hält sich in Grenzen.

Vor der Lektüre war ich also ausgesprochen positiv voreingenommen. In „Sternschanze“ geht es um Nicola, deren Mann Oliver unlängst fett Karriere gemacht hat. Sie selbst hat ihren Job aufgegeben. Jetzt gehören sie zur Hamburger High Society, wo Oliver sich ausgezeichnet macht, Nicola sich aber grässlich unwohl fühlt. Weil er sie vernachlässigt, verknallt sie sich bei einer zufälligen Begegnung in einen alten Bekannten und beginnt eine Affäre. Ein halbes Jahr gibt sie sich Zeit zum Nachdenken, ob ihre Ehe Bestand haben soll.

Weil Nicola aber ein ausgesprochener Pechvogel ist, fliegt sie auf, und zwar in der denkbar unwürdigsten Art und Weise. Die Entscheidung ist ihr damit abgenommen; jetzt muss sie schauen, wie sie ohne das Penthouse und den Gatten klar kommt. Eine kleine Robinsonade also, wobei Nicola nach kurzer Verzweiflung vieles in den Schoß fällt. Etwas realistischer hätte das nach meinem Geschmack durchaus sein können.

Ildikó von Kürthy hat eine ungewöhnliche Erzählweise gewählt: zwei vor, eins zurück. Die Kapitel enden fast alle vor einer spannenden Entwicklung, die dann aber übersprungen wird. Das nächste Kapitel beginnt schon zwei Schritte weiter, greift aber im letzten Drittel noch einmal zurück und erzählt en passant, was passiert ist. Um dann wieder den nächsten Schritt auszulassen. Das klingt kompliziert und macht Menschen, die es linear mögen (zum Beispiel Männer!), wahrscheinlich nach kurzer Zeit wahnsinnig. Aber es führt eben auch dazu, dass man immer weiter lesen will. Sehr clever, wirklich.

Ihren Wortwitz lässt Ildikó von Kürthy hier eher selten aufblitzen. Es gibt ein paar amüsante Anekdoten wie die der Weihnachtsgans, in der die Innereien-Tüte vergessen wurde, aber der Grundton ist eher melancholisch. Nicola schlägt sich nämlich auch noch mit der Sehnsucht nach ihren verstorbenen Eltern, vor allem nach dem Vater, herum. Ein ziemlich großes Päckchen für die Heldin eines Frauenromans. Für Klamauk bleibt da wenig Platz, es ist eher wie Bridget Jones in Moll. Und ja, das ist ein Kompliment.

Was jetzt? Kommt neben Bridget Jones. Zusammen ergeben sie einen schön schrägen Akkord.

Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2014. 346 Seiten, gebunden, 17.95 Euro.

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