#19 – Stephen Grosz: „Die Frau, die nicht lieben wollte – und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“

Provenienz: beim Mann aus dem Bücherregal geflogen, bei mir rein.

Ungelesen seit: vier Monaten

wpid-14028368270420-e1402836911772Irgendwo hab ich mal gelesen, dass „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ eigentlich ganz anders heißen sollte. Der Verlag bestand aber auf der Liebe im Titel, aus Marketinggründen. (Und er tat gut daran, hey, eine größere und romantische literarische Liebesgeschichte gibt es ja wohl kaum.) Jedenfalls fiel mir das wieder ein, weil „Die Frau, die nicht lieben wollte“ eigentlich die lahmste Geschichte im gleichnamigen Buch darstellt. Stephen Grosz ist Psychoanalytiker in London und hat aus seiner jahrzehntelangen Berufserfahrung einiges zusammengetragen, das zu lesen sich lohnt.

Die Geschichten sind wahr, aber die Details so verfremdet, dass die Patienten nicht mehr erkennbar sind. Wie zum Beispiel Peter, der einen Suizidversuch unternommen hat, bei dem er sich selbst mit einem Messer stach. Er hat die Angewohnheit, Freundschaften anzufangen und dann wieder hinzuschmeißen. Schließlich erfährt Grosz durch die Verlobte des Patienten, dieser habe sich nun das Leben genommen. Zwei Jahre später kommt er allerdings wieder zur Therapie. Er hat seinen Tod vorgetäuscht. Warum? Wie die Gespräche zeigen, aus Angst vor Abhängigkeit, weil er als Kind massiv vernachlässigt wurde.

Grosz führt seine Patienten erfreulicherweise nicht als Ansammlung skurriler Psycho-Probleme vor. Er erzählt vielmehr von seiner Herangehensweise und den Schwierigkeiten, die sich für ihn ergeben. Ein Patient schläft immer wieder ein. Eine Patientin wirkt fröhlich und sagt, es gehe ihr blendend, verletzt sich aber selbst. Eine berichtet nur von Panikattacken, ist aber in das Kindermädchen verliebt und versucht heimlich, wieder von ihrem Mann schwanger zu werden, damit die Geliebte den Haushalt nicht verlässt. Mit diesen Situationen zu Rande zu kommen, ist auch für den Therapeuten nicht leicht.

Besonders beeindruckend fand ich die Geschichte von einem verhaltensauffälligen Jungen namens Thomas. Er ist hochaggressiv, die bisherigen Diagnosen sprechen von Autismus, psychotischen und manischen Charakteristika. In den Gesprächen mit Grosz versucht Thomas, ihn auf jede nur erdenkliche Art zu beleidigen, zu provozieren und zu verärgern. Schließlich beginnt er, dem Therapeuten ins Gesicht zu spucken. Jedes Mal. Grosz spürt, dass das das einzige ist, was ihn wirklich wütend auf Thomas macht, und hinterfragt diesen Zusammenhang.

Schließlich stellt er fest, dass Thomas diese Wut unbedingt will – weil die Wut auf ihn zeigt, dass er auch anders sein könnte. Wer sich nicht ärgert, akzeptiert. Thomas will aber nicht akzeptiert werden, wie er ist, denn er ist selbst unglücklich damit. Als Grosz ihn darauf anspricht, sagt der Junge: „Mein Hirn ist kaputt, Blödmann. […] Habe ich Ihnen erzählt, dass meine Schwestern sich gegenseitig das Einmaleins abfragen? Sie sind jünger als ich und können schon so vieles, was ich nicht kann, weil ihr Hirne funktionieren. Meins ist Schrott. […] Das ist doch echt traurig, nicht?“

„Erst im Rückblick ist klar“, schreibt Grosz, „dass Thomas und ich in einer Sackgasse steckten, weil wir beide den Gedanken unerträglich fanden, dass er irreparabel gestört war.“ Erst die beiderseitige Akzeptanz dieses Umstandes führt zur Besserung. Das Kapitel heißt „Wie uns Wut vor Trauer schützt“, und dieses induktive Konzept, die Extremfälle aus der Praxis auf Menschen ohne pathologische psychische Probleme zu beziehen, hat mir sehr gefallen. In dem Zusammenhang sei noch der alte Mann erwähnt, der seine Kinder gerne öfter sähe, aber immer so an ihnen herummeckert, dass sie sich ewig nicht mehr blicken lassen. Dieses Muster kommt wahrscheinlich vielen bekannt vor. Die Erklärung des Psychoanalytikers lautet: Neid. Darauf kann man getrost ein paar Wochen lang herumdenken.

Was jetzt? Das bleibt. Es würde sich gut zwischen Ferdinand von Schirach und Oliver Sacks machen. Wenn ich nur wüsste, wo die sind.

Stephen Grosz: „Die Frau, die nicht lieben wollte – und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 235 Seiten, gebunden, 19.99 Euro.

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