#22 – Christopher Kloeble: „Meistens alles sehr schnell“

Provenienz: Ich habe seine ersten beiden Bücher in der Abendzeitung gelobt und bekam daraufhin dieses geschickt. Kam aber nie dazu, es zu lesen.

Ungelesen seit: 2012

kloebleMeine Güte, kann der Mann schreiben. Jedenfalls ist es mir wirklich rätselhaft, warum er nicht sehr viel bekannter ist. Er wagt sich an besondere Perspektiven und Themen, sein erstes Buch schrieb er aus der Sicht einer Mutter mittleren Alters – und zwar überzeugend. Das muss man hervorheben in dieser jungen Schriftstellerkohorte, die bevorzugt von ihrem eigenen Bauchnabel berichtet und deren Bücher dann mit „Porträt einer Generation“ beworben werden. Eine Formulierung, die ich noch mehr hasse als Brokkoli.

In „Meistens alles sehr schnell“ ist der Ich-Erzähler nicht sonderlich originell, aber dafür seine Umgebung. Albert hat gerade sein Abitur in einem von Nonnen geführten Waisenheim gemacht. Sein Vater Fred ist auf dem geistigen Niveau eines Kindes und kann sich nicht um ihn kümmern, aber sie pflegen trotzdem einen freundschaftlichen Kontakt. Das Verantwortungsgefüge freilich ist nahezu komplett umgedreht im Gegensatz zu üblichen Vater-Sohn-Beziehungen.

Fred ist krank, schwer krank: Er wird bald sterben. Und Albert möchte, vielleicht aus Angst vor Einsamkeit oder im Wissen um eine sich schließende Informationsquelle, nun endlich erfahren, wer seine Mutter ist. Rothaarig muss sie sein, woher sonst sollte Albert seinen knallroten Schopf haben? Allerdings kennt er keine rothaarige Frau im Umfeld seines Vaters. Er verdächtigt die Nachbarin, die bereits ergraut ist, aber das stellt sich als Irrtum heraus. Und aus Fred sind keine konkreten Antworten herauszukriegen.

Nebenbei wird in Rückblenden die spannende Geschichte einer Familie in einem abgeschiedenen bayerischen Ort namens Segendorf erzählt. Inzest ist dort nichts Ungewöhnliches, aber geächtet, und es gibt eine perfide Tradition, die an Janne Tellers berühmtes Jugendbuch „Nichts“ erinnert: Jeder Segendorfer muss einmal im Jahr seinen liebsten Besitz opfern. Alle diese Dinge werden gemeinsam auf einem Haufen verbrannt. Es ist eine düstere Welt, und wie eng sie mit Alberts Geschichte zusammenhängt, erfährt der Leser erst spät.

In Freds Vergangenheit gibt es eine Heldentat, die ebenfalls am Rande zur Auflösung gehört: Er hat ein Baby vor einem herannahenden Bus gerettet, als er wie jeden Tag an der Haltestelle grüne Fahrzeuge zählte. Und dann hat er noch Geheimnisse in der Kanalisation seines Heimatortes. All diese lose wirkenden Stränge und Details webt Kloeble am Ende wieder zusammen.

Warum ich das so gern gelesen habe? Darauf gibt es mehr als eine Antwort. Weil es spannend ist. Weil Kloeble ein Händchen für Figurenzeichnung hat. Weil ich die Auflösung gelegentlich wittern konnte, aber am Ende doch nicht ganz richtig lag. Weil es angenehm schlicht und stilsicher geschrieben ist. Ach, lest es doch einfach selbst!

Was jetzt? Das bleibt bei mir. Ich freue mich auf sein nächstes Buch.

Christopher Kloeble: „Meistens alles sehr schnell“. Roman. dtv premium, München 2012. 375 Seiten, Softcover, 14.90 Euro.

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