Einer von tausend Toden

1000 Tode ist ein Projekt des Frohmann Verlags: 1000 Autoren schreiben 1000 kurze Texte über den Tod. Der Herausgeber-­ und Autorenanteil, das sind 50 Prozent des Nettoreingewinns, wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-­Pankow gespendet. Von mir ist dieser Text dabei.

*****

„Weißt du“, sagt sie, „ich hab keine Angst vorm Altwerden.“ Wir sitzen auf dem Sofa ihrer neuen WG. Erst vorige Woche ist sie eingezogen, hat jetzt zwei Mitbewohnerinnen und drei Mitbewohner, die sie nett findet. Abgecheckt hat sie die Männer auch gleich. „Aber da ist keiner für mich dabei“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Seit einem Jahr ist sie jetzt Single. Das Ende ihrer Beziehung war unschön, sie erinnert sich nicht gern daran. Das meiste hat sie schon vergessen.

In der neuen WG ist viel los. Ein Kommen und Gehen an der Tür, sie bekommen dauernd Besuch, der oft Stunden bleibt und sich in der Küche zu schaffen macht. Die meisten Gesichter hat sie jetzt schon einmal gesehen, sie kommen ihr bekannt vor, wenn sie ihnen auf dem Flur begegnet. Abends spielt sie mit ihren Mitbewohnern Mensch ärgere dich nicht. Sie mag eigentlich keine Brettspiele, aber sie mag die Gesellschaft, und zum Lesen ist sie meistens zu müde. Es gefällt ihr gut hier.

Als ich sie bald darauf wiedersehe, liegt sie mit einer Wundrose am Bein im Krankenhaus. Das Krankenhauszimmer ist lichtdurchflutet, aber die alte Frau neben ihr, die sich lautstark mit ihrer Tochter unterhält, macht sie nervös. Auch die Tiere, die sie an der Wand sitzen sieht, lenken sie von unserem Gespräch ab. Ich hole ihr aus der Cafeteria ein Stück Käsekuchen, von dem sie nur eine Gabel nimmt. Dann schläft sie ein. Ich esse mein Kuchenstück auf. Es schmeckt nach Pappe.

Das nächste Mal sehen wir uns in der Psychiatrie. Plötzlich hatte sie doch Angst bekommen. Wovor? Das kann oder will sie nicht erklären. Jetzt müssen ihre Beruhigungsmittel eingestellt werden. Wir unterhalten uns im Strandkorb auf der Terrasse. Auf ihrem Bett sitzt ein Teddy, den sie nachts im Arm hält.

Die Wundrose kommt zurück. Das nächste Krankenhaus liegt unweit eines berühmten Schlossparks und ist ein muffiger, düsterer Albtraum. Es scheint sie nicht zu stören. Sie singt leise vor sich hin und freut sich über den Besuch. Als ich es in ihrem Zimmer trotzdem nicht mehr aushalte, setze ich mich für ein paar Minuten in den Warteraum am Treppenhaus, wo Pfleger und Krankenschwestern aus den verschiedenen Stationen einander begegnen. Das verläuft immer gleich. Einer sagt: „Na.“ Der andere: „Geht schon.“ Der erste: „Muss ja.“ Ihre Gesichter sind grauer als die der Patienten.

Sie zieht wieder in ihr WG-Zimmer. Es geht ihr ein paar Tage lang gut. Aber dann wird sie immer müder. Ich sage meine Geburtstagsfeier ab und fahre zu ihr. Mit geschlossenen Augen liegt sie im Bett. „Willst du Musik hören?“ Sie nickt. Als die Bach-Kantate erklingt, erhebt sie die Arme und bewegt sie, als wolle sie dirigieren. Minutenlang. Sie hat noch richtig Kraft im Körper. Aber die Demenz dimmt ihren Geist herunter. Eine Woche später wird es dunkel um sie.

Eigentlich sprach sie vom Sterben, seit ich denken kann. Dass sie erst im Alter von sechsundachtzig Jahren sanft einschlafen würde, hatte sie wohl nicht zu hoffen gewagt. Der Tod fällt ihr leichter als das Leben.

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