An meine kleine Schwester

~ Dieser Text richtet sich an Frauen. Liebe Männer, wenn ihr ihn schon lest, vergesst ihn danach bitte einfach wieder. ~

Vor zwei Jahren hat mir das Schicksal die beste Schwester geschenkt, die ich mir jemals hätte wünschen können. Du bist jetzt einundzwanzig, und obwohl wir nicht blutsverwandt sind, sehe ich mich immer wieder in dir. Das ist meistens einfach nur großartig. Aber neulich, da war es doch seltsam.

Du brauchtest Passfotos, und wir waren gemeinsam beim Fotografen. Seitdem weiß ich, dass meine perfekte kleine Schwester der Ansicht ist, sie hätte Hamsterbacken. Das ist so unglaublich lächerlich. Du siehst toll aus, wie Ava Gardner, bist aber natürlich viel zu jung, um Filmschauspielerinnen aus den Fünfzigern zu kennen.

cathErst habe ich über den Quatsch mit deinen Hamsterbacken gelacht. Aber dann habe ich mich schon wieder in dir gesehen und mich daran erinnert, welche Komplexe ich in deinem Alter hatte. Im Nachhinein glaube ich, zwischen zwanzig und etwa siebenundzwanzig Jahren wurde ich nur von Komplexen zusammengehalten. Es waren nicht sehr viele auf einmal, sondern immer ein paar, bis meine Aufmerksamkeit weiter wanderte zu einem anderen suboptimalen Punkt.

Die Stellen an meinem Körper aufzuzählen, die ich nie hässlich fand, würde ganz schnell gehen. Aber ich weiß, dass das ziemlich abstrakt und etwas feige wäre. Also verrate ich, was ich heute völlig in Ordnung finde, aber damals hasste. So wie du und viele Frauen in deinem Alter das hasst, was ihr für eure Hamsterbacken und Wurstfinger haltet – wobei ihr hoffentlich früher als ich erkennt, dass das alles Blödsinn ist. Ich fange ganz unten an.

Meine Zehen sind knubbelig. Meine Waden sind zu dick, und das sehe ich auch noch offiziell bestätigt, weil es schwierig ist, passende Stiefel zu finden. Meine Knie sehen aus wie Dampfnudeln. Meine Oberschenkel sind monströs. Meine Brüste sind asymmetrisch (ja, Herrschaften, ich hab das gerade ins Internet geschrieben, da müssen wir jetzt alle durch! Ich hab noch nie welche gesehen, die exakt gleich waren, also tun wir nicht so, als wäre das eine besonders peinliche Behinderung). Meine Schultern sind zu breit. Meine Unterarme sind zu behaart. Meine Handgelenke sind absurd schmal. Meine Ohren sind zu lang. Meine Haut ist zu bleich. Meine Haare sind zu fein. Meine Brauen sind zu gerade. Ich habe eigentlich immer bläuliche Augenringe, sogar schon auf meinem Einschulungsfoto. Meine Nase ist zu spitz. Meine Zähne sind nicht weiß genug. Meine Stirn ist zu hoch. Ich habe Schlupflider. Schlupflider, das ist so ein wahnsinnig fieses Wort. Wie kann man sich noch selbst lieben, wenn man der Ansicht ist, etwas im Gesicht zu haben, das so heißt?

Manches davon stimmt einfach nicht, obwohl ich früher fest davon überzeugt war. Manches stimmt, ist mir aber heute so dermaßen egal. Manches mochte ich dann doch irgendwann, weil jemand es schön fand. Auf andere Komplexe bin ich dagegen erst gekommen, weil sie mir jemand eingeredet hat. Irgendwas war immer gerade hässlich an mir. Wenn ich dicker war, fand ich mich angezogen elefantös. Wenn ich dünner war, fand ich mich ausgezogen mitleiderregend.

Ich wüsste selbst gern, warum das aufgehört hat – damit ich dafür sorgen kann, dass du es schneller auf diese friedliche Insel schaffst. Aber ich habe keine Ahnung. Es hat einfach irgendwann aufgehört, glücklicherweise rechtzeitig zu den ersten Stirnfalten, und bis du mich neulich unabsichtlich daran erinnert hast, hatte ich es nicht mal bemerkt. Jetzt bin ich unendlich dankbar dafür. Vertrau mir einfach, bald wirst du es hoffentlich wissen: Du hast keine Hamsterbacken. Du bist bildschön.

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