Ein Wort zu Köln

Eigentlich wollte ich zu Köln gar nichts schreiben. Hat super geklappt, wie man sieht, jedenfalls habe ich mich am Ende mit mir selbst darauf geeinigt, den Großteil der Flüche wegzulassen. Denn nach Fluchen ist mir seit Tagen, vor allem, seit Henriette Reker ihre Verhaltenstipps für Frauen abgegeben hat, ihr wisst schon: eine Armlänge. Es geht mir aber gar nicht darum, dass Frauen auf diese Weise ein Teil der Verantwortung zugeschoben wird. Das wurde bereits zu Recht ausgiebig kritisiert.

Mich ärgert viel mehr, dass ich wie wahrscheinlich alle Frauen diese Scheißtipps doch schon mein ganzes Leben lang beherzige, ohne dass man sie mir auf einer Pressekonferenz um die Ohren hauen muss! Eine Armlänge, echt jetzt? Was denkt ihr eigentlich? Dass wir dummen Chicks uns nachts auf der Straße besoffen mit Fremden verbrüdern?

Niemand muss uns beibringen, nicht alleine durch dunkle Parks zu gehen. Dass die Unterführung keine gute Idee ist und die Schritte auf der Straße hinter uns womöglich Beachtung verdienen. Das sind Dinge, die Frauen einfach von selbst kapieren. 

Wir wissen, dass wir in körperlichen Auseinandersetzungen mit Männern den Kürzeren ziehen. Wir wissen, dass wir darauf angewiesen sind, dass die Männer, denen wir begegnen, das nicht ausnutzen. Wir wissen, dass es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, es nicht auszunutzen, aber wir wissen auch, dass dieser Konsens in bestimmten Situationen leicht Risse bekommen kann.

Kürzlich erzählte mir eine Freundin von einem Stromausfall an einem Provinzbahnhof. Alles war dunkel. Sie ging in den einzigen Laden, dort arbeiteten zwei Frauen, man stand ohne Strom im Dunkeln herum, und dann kam eine Gruppe Männer herein. Alles harmlos. Aber in ihrem Kopf lief trotzdem sofort ein Worst-Case-Szenario ab.

Das ist nicht paranoid. Das ist die schlichte Erkenntnis, alleine aufgrund geringerer körperlicher Kraft dem Wohlwollen anderer ausgeliefert zu sein. Kommt mir jetzt bloß nicht mit „mach halt Kraftsport“ – so viel Kraftsport kann ich gar nicht machen, um auf ein durchschnittlich männliches Niveau zu kommen. Ich habe einen älteren Bruder; ich kenne meine Möglichkeiten in körperlichen Auseinandersetzungen.

Rekers Tipps sind gut. Ehrlich. Sie sind so gut, dass wir sie eh schon längst befolgen. Aber schön, dass auch diese Gelegenheit nicht ausgelassen wurde, Frauen wie kleine Kinder zu behandeln, die immer wieder auf heiße Herdplatten fassen.

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Ein Kommentar

  1. Armin schoeller

    Liebe Julia,
    Was soll ich jetzt als männlicher Feminist dazu sagen? Soll ich als illegale Bürgerwehr über die Kölner Ringe schwadronieren? Wo ich zuhause bin. Ich meine, das nur schnelle Gerichtsverfahren, die unmittelbar dem Verfehlen folgen müssen, helfen würden. Wir haben ein Problem der Executive und nicht der Polizei. Die sind komischerweise reduziert worden um Länderhaushalte zu sanieren. Die Gesetze sind ausreichend werden aber nicht konsequent angewandt. Die aufgeklärte Gesellschaft hat das Gewaltmonopol dem Staat übertragen, er muss es jetzt nur umsetzen.
    Die Straftäter lachen doch nur über die Urteile wie heute ergangen. Und der Hinweis auf patriarschaliche strukturen helfen nicht weiter. Auch im Islam gilt die Mutter als „heilig“ und zu beachten. Strafen müssen unmittelbar wirken….

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