Abgestumpft

Gestern Abend gab mein Arbeitgeber einen traditionsreichen Empfang. Ein hochoffiziöses Ereignis, zu dem stets ein bisschen Prominenz aufkreuzt. Manche Gesichter kennt man aus dem Fernsehen, andere sollte man kennen, erkennt sie aber nicht. Das macht die Sache jedes Jahr zu einem kleinen Spießrutenlauf. Die Hälfte der Zeit verbringe ich damit, mich zu fragen, wer das nun wieder ist.

Der Empfang findet in einer Villa statt, deren Eingangshalle meist überfüllt ist – zumindest so lange, bis jeder am Buffet war und sich mit seinem Teller in einen der Salons verzogen hat. Es ist überhaupt nicht möglich, die Halle zu durchqueren, ohne die Arme und Rücken anderer Leute mit den eigenen Schultern zu berühren.

Diesmal musste ich meinen gefüllten Teller durch dieses Gedränge balancieren, um zur Treppe zu gelangen. Manche sahen mich ankommen und machten ein bisschen Platz, an anderen musste ich mich vorsichtig vorbeischieben. Und ein mir völlig fremder Mann im berühmten besten Alter sah meinen Teller und mich an, legte völlig unnötigerweise seine Hand auf meinen Rücken und sagte: „Na, das ist aber mal eine doppelte Verlockung!“

Verlockung und Verführung. Leicht zu unterscheiden von Frauen.

Verlockung und Verführung. Leicht zu unterscheiden von Frauen.

Eine Sekunde später war ich an ihm vorbei. Ich fand sein Verhalten unverschämt, aber ich habe überhaupt nicht reagiert. Dafür gibt es viele Gründe. Der erste ist mir am Unangenehmsten: Ich kannte den Mann nicht und wollte nicht diejenige sein, die sich mit einem wichtigen Gast angelegt hat, „der doch nur freundlich sein wollte“, wie es dann immer heißt. Der zweite war, dass ich mir nicht von jemandes schlechten Manieren meine Laune und mein Abendessen ruinieren lassen wollte. Der dritte war, dass ich dazu neige, immer das humoristische Potenzial in solchen Situationen zu sehen. Erst später, als ich Kollegen davon erzählte, merkte ich an ihren entsetzten Reaktionen, dass Ärger die bessere Reaktion gewesen wäre als leichte Genervtheit.

Aber was hätte ich denn mit meinem Ärger anfangen sollen? Wir waren mitten im Gedränge, ich hatte einen vollen Teller in der Hand. Das ist übrigens eine typische Situation – wann immer mir jemand auf diese Weise zu nahe getreten ist, gab es ganz praktische Gründe, warum ich mich gerade nicht richtig wehren und etwa seine Hand wegschieben konnte. Am liebsten hätte ich meinen Teller abgestellt und einen länglichen Vortrag darüber gehalten, dass man fremde Frauen nicht als Verlockung bezeichnet, weil das sehr deutlich zeigt, dass man andere Menschen auf ihr Äußeres reduziert. Gegen all das sprachen die oben genannten Gründe.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, der mir heute erst klar geworden ist: Es mangelte mir an spontan verfügbarer Wut, weil ich so etwas schon häufiger erlebt habe. Ich erinnere mich sogar genau an das erste Mal. Als ich zwanzig Jahre alt war, ging ich mit meiner gesamten Klasse aus der Journalistenschule zum Bayerischen Presseball. Ich trug ein langes schwarzes Kleid mit Rückenausschnitt. Irgendwann stand ich alleine seitlich vor der Bühne und merkte, dass jemand mit dem Finger meine Wirbelsäule hinunter fuhr. Natürlich dachte ich, es sei eine meiner Kommilitoninnen. Ich drehte mich also lächelnd um und sah mich einem Fremden von etwa fünfundfünfzig Jahren gegenüber, der sagte: „Das ist aber sehr verführerisch!“ Ich war schockiert. Ich war zwanzig und sprachlos. Ich konnte nur weglaufen. Wahrscheinlich sah ich nicht mal wütend aus.

Wann immer mir so etwas in den letzten dreizehn Jahren passierte, dachte ich Dinge wie: Immerhin hat dieser mich nicht angefasst. Immerhin habe ich heute keinen nackten Rücken. Immerhin kennt der wenigstens meinen Namen, wenn auch erst seit fünf Minuten. Immerhin, immerhin, immerhin – ich bin abgestumpft. Abgestumpft von fremden Männern, die denken, mein Anblick solle ihrer Verführung und Verlockung dienen, und mir das auch noch ins Gesicht sagen.

So funktioniert das nämlich. Beim ersten Mal bist du noch zu jung und zu perplex, um dich zu wehren, und später bist du abgestumpft und froh, ein hochgeschlossenes Kleid zu tragen. Nur deshalb bekommen Männer dieser Sorte nicht viel öfter Rotwein in ihre gierigen, blöden Gesichter gekippt: Weil Frauen es gewohnt sind, dass sie sie schlecht behandeln. Weil Frauen diese Männer nicht mehr ernst nehmen – und, was schlimm ist, ihre eigenen Grenzen auch nicht mehr.

Heute weiß ich natürlich, was ich hätte sagen sollen: „Ich bin keine Verlockung, ich bin ein Mensch.“ Auch wenn er das sicher nicht verstanden hätte.

Vielleicht beim nächsten Mal.

#12von12 im Oktober

Ja, ich hab ein paar Mal geschwänzt. Entweder es war zu viel los oder zu wenig, wie das eben immer so ist. Momentan ist viel zu viel los, aber man gewöhnt sich ja an alles, auch an ein absurdes Stressniveau. Wer das Format noch nicht kennt, bekommt es hier erklärt – die tl;dr-Variante lautet: zwölf Bilder vom zwölften des Monats. Here we go!

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Erste Amtshandlung des Tages: Schauen, ob die seltsame Konstruktion in der Küche noch hält. Ich bin in einen rudimentär ausgestatteten Altbau gezogen und habe erst gestern die Spülmaschine angeschlossen. Weil es gerade sinnlos wäre, die Spüle auch anzuschließen, ehe die Arbeitsplatte ausgetauscht ist, habe ich die Ablaufschläuche mit Duct Tape befestigt. Für die einen ist es Pfusch – für die anderen die eleganteste Übergangslösung der Welt.

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Zweite Aufgabe am Morgen: das Bett für den Buchmessebesuch beziehen. Der kommt zwar erst morgen, aber ich freue mich so, und vielleicht geht es ja schneller, wenn schon alles fertig ist?

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Mittags im Einkaufszentrum: feststellen, dass man nun wirklich in Hessen lebt. Wobei, in Franken würde es auch gut passen. Man sagt ja auch: Dobbelt genäht hält bessä.

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Endlich Verstärkung: Dieser wirre Kopf, äh, Schopf, gehört zu unser aller Lieblings-Ex-Hospitant Felix. Wir beuten ihn während der Buchmessenwoche knallhart aus, genau wie uns selbst. Tagsüber arbeiten, nachts auf den Partys rumhängen. Schrecklicher Job.

Im Ernst: Die Buchmesse bedeutet Ausnahmezustand für uns. Wir kümmern uns zu viert um das Programm bei FAZ.NET, und das klappt alles nur deshalb, weil wir sehr professionell arbeiten. Vor allem ich. Also, wirklich krass professionell.

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Da sieht man’s wieder: Meine nüchterne Arbeitseinstellung hat überaus positive Auswirkungen auf das ganze Team.

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Eingekauft: Die Vorbereitungen für die Messe sind hiermit abgeschlossen. Es gibt jetzt übrigens Niederegger-Marzipan mit Cheesecake-Flavour! Okay, ich hab noch keine Ahnung, wie das schmeckt, aber das sendete zwei so klare Kaufentscheidungen in meinen Kopf, dass ich keine Sekunde gezögert habe.

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Falls meine Mutter das liest: Ja, ich esse auch Obst. Mit ein paar Kollegen teile ich mir eine Obstkiste, dies ist meine Portion für diese Woche. Eine von uns besteht darauf, dass immer extra viele Datteln dabei sein müssen. Ich kann das nur unterstützen.

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Glamouröses Arbeitsleben: den ganzen Tag im Messeprogramm rumgewühlt, Listen abgearbeitet, neue Listen geschrieben und am Abend noch am Newsdesk den Buchpreis verarztet. Ein langer Arbeitstag, das passt prima zur Einstimmung auf diese Woche.

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Abends, kurz vor 22 Uhr: Zu den besten Dingen an meinem Umzug nach Hessen gehört, dass ich um diese Zeit auf dem Heimweg noch schnell einkaufen kann. In Bayern ist das ja alles nicht so einfach. Wahrscheinlich schmort man nach Meinung der CSU auf ewig in der Hölle, wenn man nach 20 Uhr noch eine Tüte Milch kaufen will.

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Alte Oper an Springbrunnen: Mein Heimweg ist sehr, sehr schön. Das ist einer der Gründe, warum ich immer mit dem Fahrrad fahre, auch bei Regen und Kälte. Der andere ist, dass ich die U-Bahn in Frankfurt grauenerregend finde. Auch olfaktorisch. GERADE olfaktorisch, wenn ich es recht bedenke.

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Feierabend: Zu Hause stelle ich entnervt fest, dass das Duct Tape nicht gehalten hat, und beschließe, die vermaledeite Spüle dann eben doch anzuschließen. Dazu werfe ich mich mal wieder in diese so formschöne wie schmeichelnde Hose, die mir noch am Körper festwachsen wird, wenn ich hier nicht bald fertig bin mit Renovieren.

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Na also. Läuft. Bin gespannt, wie oft ich aus Gewohnheit ins Bad gehe, um Wasser zu holen, ehe ich mich daran gewöhnt habe.

 

#44 – Jonathan Franzen: „Unschuld“

Provenienz: Der Mann überreichte es mir, nachdem er mich vorher kaltblütig mit „Freiheit“ angefixt hatte.

Ungelesen seit: Etwa zwanzig Minuten. Ich bin wirklich angefixt.

wpid-wp-1444592471489.jpegUm dieses Buch zu lesen, hatte ich eigentlich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt erwischt. Erst stand ein Umzug an, der mich die letzten Reste meines Verstandes kostete, und tags darauf warf mich eine Erkältung um. Meine Laune war also nicht gerade prächtig, als ich zwischen unausgepackten Umzugskartons röchelnd im Bett lag. Zwei Dinge retteten sie: Meine zwanghaft geführte Excel-Tabelle mit dem genauen Inhalt sämtlicher nummerierter Kisten, dank derer ich innerhalb von zwanzig Sekunden den Wasserkocher fand und immerhin Tee kochen konnte. Und dieses Buch, dessen Lektüre ich nur unterbrach, um stundenlang komatös zu schlafen.

Der Titel rührt vom Namen der Protagonistin her, Purity, genannt Pip. Eine junge Frau mit widerständigem Geist, haufenweise Studienschulden und einer anstrengenden Mutter. Pip hasst ihren Job, wohnt in einem besetzten Haus und ist unglücklich in einen der Mitbewohner verliebt. In dieser desolaten Situation erhält sie das Angebot, nach Bolivien zu reisen und für eine Organisation zu arbeiten, die entlarvende Regierungsdokumente ebenso online stellt wie Zahnarztskandälchen. Sie fährt hin, sie lernt einen Mann mit zwei Gesichtern kennen, und sie findet im Anschluss heraus, wer ihr stets totgeschwiegener Vater ist. Ich unterschlage jetzt mal sämtliche Details, ihr sollt es schließlich selbst lesen.

Franzen zeichnet seine Figuren sehr plastisch, und er nimmt sich viel Zeit dafür. Über jedermanns Vergangenheit erfahren wir viel, es wird ausgiebig erzählt, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Das ist super, das hätte ich fürs richtige Leben auch gerne. Jemanden, der neben mir hergeht und Dinge sagt wie: „Dein neuer Kollege hat als Kind lange ins Bett gemacht, weil sein Vater seine Mutter geschlagen hat. Er ist zutiefst unsicher, deshalb wirkt er wie ein arroganter Saftsack.“ Wäre das schön. Und so praktisch! Mein einziger Kritikpunkt an der Geschichte ist, dass mir die Kombination „Alter Mann trifft junge Frau, doch nach ein paar Jahren wird es zäh“ ein bisschen zu oft in leichten Variationen vorkam.

Aber. ABER! Die Übersetzung. Es ist das Grauen. Tut mir leid. Denn eigentlich fallen durchaus wunderschöne Sätze in „Unschuld“. Diese zum Beispiel:

Als arbeitende Journalisten in einer Studentenschaft, die sich nach Studentenmanier vergnügte, erreichten meine Freunde und ich ein Selbstgefälligkeitsniveau, wie es mir erst wieder unterkommen sollte, als ich Mitarbeiter der New York Times kennenlernte. Natürlich hatten wir alle einen Nougatkern der Unschuld, aber jeder prahlte mit seinen sexuellen Großtaten an der Highschool, und dass meine Freunde womöglich logen – ich tat es ja schließlich auch –, dämmerte mir nie.

Nougatkern der Unschuld, hach. Und jetzt kommen wir zu den Negativbeispielen. Es fängt damit an, dass Pip und ihre Mutter besonders geruchsempfindlich sind. „Smell is hell“, sagen sie im amerikanischen Original. Und im Deutschen? „Geruch ist Fluch.“ Waaaahhh! Das reimt sich nicht! Nicht mal im Ansatz! Das macht mich völlig fertig. Was war die Alternative, wenn die Übersetzer das für die beste Lösung hielten? „Riechen ist Siechen“? „Gestank ist Punk“? „Odeur macht’s mir so schwör“? Halten wir fest: Man hätte das einfach gar nicht übersetzen müssen. Schließlich sind auch ganze Sätze auf Spanisch nicht übersetzt. Man versteht das schon, Himmelherrgott.

In Relation dazu ist der Rest Kleinkram, über den man beim Lesen trotzdem stolpert. „Er rümpfte die Brauen“ etwa missfiel mir außerordentlich. Außerdem schreibt der Godfather of Internetenthüllungen in Mails an Pip dauernd LOL. LOL. Wie so ein Teenager anno 2005. „Ihre Mail ist LOL“ – das ist nicht nur miese Grammatik, sondern auch noch peinlich. ROFLCOPTER hätte ich immerhin noch als Ironie durchgehen lassen.

Sehr seltsam mutet auch die Beschreibung an, wie bei der Arbeit am Computer „alle Frauen […] mausten und klickten“. Ich kenne mausen durchaus als Verb, aber in dieser Bedeutung ist es mir noch nie untergekommen. Außerdem kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, die bedeutungsarme Tätigkeit des bloßen Umherschiebens der Maus, bis man wieder eine ihrer Tasten betätigt, habe überhaupt kein eigenes Verb verdient. Diese Stellen haben mich fürchterlich geschmerzt, aber sie können das Buch nicht ruinieren. Ein Glück. Lest es.

Was jetzt? „Die Korrekturen“. Ganz klar.

Jonathan Franzen: „Unschuld“. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Hamburg 2015. 832 Seiten, gebunden, 26.95 Euro.

Lieblingstweets im August

Faultiere! Spinnen! Verendende Krebse!

#BloggerFuerFluechtlinge

BFF_1508_ButtonBlau2-300x300Eigentlich wollte ich gerade nur schnell das Geld für meinen Steuerberater und einen, ähem, kleinen Strafzettel überweisen. Da kamen mir die Blogger für Flüchtlinge auf Twitter dazwischen. Dann ihre Website. Und dann ratzfatz das Spendenprojekt, das sie gestartet haben. Es verteilt die Spenden auf mehrere regionale Initiativen, die Flüchtlinge unterstützen – welcher Verein wie viel aus dem Topf bekommen hat, ist transparent aufgelistet. Ich mach’s kurz, ihr könnt euch denken, wohin der Hase läuft: Das ist eine tolle Aktion von  Nico LummaStevan PaulKarla Paul und Paul Huizing.

Keine Ahnung, ob man überhaupt noch erklären muss, warum jemand für Flüchtlinge spenden sollte, aber ich argumentiere mal höchst egoistisch: Ich habe auf beiden Seiten hugenottische Vorfahren. Sie sind geflohen, weil sie aus religiösen Gründen verfolgt wurden. Dabei standen die Hugenotten nicht mal ansatzweise auf so verlorenem Posten wie heute die Menschen, die aus Syrien und Eritrea zu uns kommen. Im Gegenteil, sie haben in Frankreich selbst das ein oder andere Kloster in Brand gesteckt. Man hätte also durchaus Angst vor ihnen haben können. Ich bin froh, dass meine Vorfahren hier aufgenommen und nicht angegriffen wurden, denn sonst gäbe es mich nicht.

Und jetzt, etwa 500 Jahre, nachdem meine Vorfahren sich hierher gerettet haben, können wir selbst Flüchtlinge aufnehmen und für ihre Sicherheit sorgen. Indem ich ihnen helfe, gebe ich nur etwas zurück. Den Betrag, den ich gerade überweisen wollte, hab ich jetzt erst mal gespendet. Ja, ja, die Rechnungen bezahl ich auch gleich noch. Aber vorher hoffe ich, ein paar von euch hierher locken zu können.

#43 – Per Petterson: „Pferde stehlen“

Provenienz: Geschenk zum 30. Geburtstag

Ungelesen seit: Ja, ja. Ich will nicht drüber reden. Pfff.

wpid-20150828_160647.jpgHerrje, hat mich dieses Buch genervt. Es ist bei seinem Erscheinen heftigst gelobt worden, aber das kann ich mir gerade überhaupt nicht erklären. Also: Der 67-jährige Witwer Trond zieht in eine Hütte nach Ostnorwegen. In der Gegend hat er früher mit seinem Vater ein paar Sommer verbracht. In einem dieser Sommer ist etwas Schlimmes geschehen; ein Kind kam ums Leben. Außerdem scheint der Vater ein, zwei Geheimnisse vor seiner Familie gehabt zu haben. (Spoiler: Jetzt auch nicht die allerüberraschendste Sorte.)

Jedenfalls erzählt Per Petterson dann erstmal ausgiebig davon, wie sie früher Baumstämme umgesägt haben. Wie sich das anfühlt in den Muskeln, wie das riecht, wie man schwitzt, wie hungrig man danach ist und wie stolz. SEI-TEN-WEI-SE. Okay, ich lebe in der Großstadt, aber ich kann immerhin Holz hacken und besitze eine Stichsäge – wenn mich das nicht interessiert, also so wirklich null, nada, wen interessiert es dann?

Aber das war ja erst die vergangene Zeitebene. Wir haben ja auch noch eine heutige, in der Trond öde Spaziergänge mit seinem Hund macht, in seinem Nachbarn einen alten Bekannten wiedererkennt und – ihr ahnt es bereits – im Hof eine vom Sturm umgehauene Birke zersägt. Mit Hilfe des Nachbarn, weil Gemeinschaft unter Männern und so, bla bla. Wie toll der Nachbar mit der Kettensäge umgeht, beeindruckend.

Vielleicht könnte man aus diesen Passagen das Editorial des Programms für die nächste Lumberjack-Weltmeisterschaft schnitzen. Aber als Roman, pardon, haben sie mich ins Bodenlose gelangweilt. Vielleicht bin ich auch einfach nur nicht deep genug, den Hintersinn zu erkennen. Wer weiß.

Was jetzt? Will jemand? Ich würde es verschenken. An jemanden mit Lumberjack-Fetisch vielleicht.

Per Petterson: „Pferde stehlen“. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, Juni 2009. 335 Seiten, gebunden, 9 Euro.

Lieblingstweets im Juli

(Faultiere finden, ich sei diesmal etwas langsam gewesen damit.)

#42 – Marianne Fredriksson: „Geliebte Tochter“

Provenienz: Geschenk zum Dreißigsten (schon wieder! Und immer noch!)

Ungelesen seit: Ja, ja, drei Jahren. Hmpf.

wpid-wp-1438259206199.jpegImmer diese Schwedinnen. Können wir vielleicht mal ein modernes Buch über eine verklemmte Schwedin lesen? Ich meine, wie stehen die deutschen Frauen in der Weltliteratur denn bitte da, wenn diese Nordlichter immer so wunderschön und sexuell selbstbewusst sind? Katarina jedenfalls ist eine von ihnen. Sie arbeitet als Architektin und will sich nicht auf eine feste Beziehung einlassen, weshalb sie eine kurze Affäre an die andere reiht: „In Wirklichkeit mochte sie einfach Männer und konnte jedes neue Verliebtsein unglaublich genießen. Und sie gehörte zu den Frauen, die verliebt sein nie mit Liebe verwechselten.“

Jetzt aber ist Katarina schwanger von ihrer Sommerliebe Jack, einem Amerikaner, der zu Hause Frau und Kinder hat. Und sie ist auf dem Weg zu ihrer Mutter, um ihr davon zu erzählen: dass sie das Kind will, aber den Mann nicht, obwohl er ihr mehr bedeutet als alle anderen davor. Das Verhältnis zur Mutter ist herzlich, aber nicht unbelastet – als Katarina klein war, wischte sie ihrer Mutter das Blut aus dem Gesicht, wenn der Vater sie wieder krankenhausreif geschlagen hatte. Auch Jack hat eine ähnliche Familiengeschichte. Als Katarina von ihrem Kurzurlaub bei der Mutter zurückkehrt, erwartet er sie – und prügelt auf sie ein, als er von der Schwangerschaft erfährt.

Gibt es familiäre Muster, aus denen wir nicht ausbrechen können? Zieht Gewalt automatisch Gewalt nach sich? Das sind die großen Fragen, die „Geliebte Tochter“ aufwirft. Katarina wird nach Jacks Schlägen von ihrem Bruder Olof und dessen Frau Erika gesund gepflegt und beginnt, gemeinsam mit ihrer Mutter ihre traumatischen Kindheitserinnerungen aufzuarbeiten. Die Nähe zur Familie tut ihr gut, aber gleichzeitig ist sie eifersüchtig auf die besondere Beziehung ihrer Schwägerin zu ihrer Mutter und empfindet sich als Last, was sie durch finanzielles Engagement auszugleichen sucht.

Marianne Fredriksson widmet sich Katarina, aber sie verliert auch Jack nicht aus den Augen. Er geht zurück nach Amerika, geplagt von Schuldgefühlen, und stürzt dort vollkommen ab, ehe ausgerechnet sein Vater, der früher selbst zugeschlagen hat, ihn auffängt.

Diese ganzen menschlichen Dramen, die sich da aneinander reihen, sind ganz klug und schlicht erzählt. Überhaupt ist der Tonfall sehr geradeheraus, stellenweise in der Übersetzung für meinen Geschmack sogar etwas zu lakonisch geraten. Ein paar inhaltliche Dinge sind ebenfalls irritierend: Olof und Erika haben zwei Jungs aus Vietnam adoptiert, und Jack findet es völlig abgefahren, dass sie „chinesische Kinder“ haben. Der Typ ist New Yorker, sollte ihn ethnische Vielfalt wirklich so aus der Bahn werfen? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Ach ja, und dann verliebt Katarina sich wieder, diesmal ernsthaft, aber der Mann ist offensichtlich ein Filou. Und was sagt unsere starke, schöne Schwedin da zu ihrer Mutter über ihn? „[Er] ist ein richtiges Hänschen klein, das in die weite Welt hineingeht und sich gern auf sein Mütterlein besinnt.“ Mit dem Mütterlein meint sie sich als seine Lebenspartnerin. Boah. Im Ernst jetzt, Mädels? Ich dachte, wir wären darüber hinweg, Männer als schwachsinnige Kinder darzustellen.

Was jetzt? Das Buch darf bleiben. Wer weiß, vielleicht muss ich mich dem Männerbild ja eines Tages anschließen.

Marianne Fredriksson: „Geliebte Tochter“. Roman. Aus dem Schwedischen von Senta Kapoun. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2010. 368 Seiten, gebunden, 8.90 Euro. 

Lieblingstweets im Juni

Schokolade, Korkenzieher und erotische Höhepunkte!

#41 – Wolf Haas: „Verteidigung der Missionarsstellung“

Provenienz: selbst gekauft, weil: Wolf Haas!

Ungelesen seit: ein oder zwei Jahren

imageMeine letzte Eloge auf Wolf Haas ist gar nicht allzu lange her. Und dies wird auch eine, aber ganz anders. Denn die Sprache, von der ich geschwärmt habe, kommt hier nur in einem Kapitel vor. Diesmal spielt Haas mehr mit dem Text als mit der Grammatik. Das Ergebnis hat mir so viel Spaß gemacht. Ich wollte dauernd dem Mann irgendwas im Buch zeigen, aber nach drei Stellen hab ich es dann doch gelassen und ihm gesagt, er soll es selbst lesen – unbedingt!

Auch hier möchte ich nicht zu viel der phantastischen kleinen Ideen verraten, die in diesem Buch stecken. Nur die erste, die wie eine Einführung wirkt: Benjamin Lee Baumberger, der Protagonist und beste Freund des Erzählers, irrt durch einen Markt in England, wo er sich gerade unglaublich in eine Burgerverkäuferin verliebt hat. Er sucht sie, um sie abzuholen und den Abend mit ihr zu verbringen, doch er geht zuerst geradeaus und biegt dann links ab – und der Text, eine einzelne Zeile auf der Seite, macht dasselbe.

Das ist natürlich ganz schön verspielt und schreckt wahrscheinlich den Klassiker-Leser eher ab. Ich fand es großartig. Diese Seiten machen mehr aus der Geschichte, es ist wie ein kleines Sketchbook. Apropos Geschichte, da war doch was. Also: Wenn Benjamin Lee Baumberger sich verliebt, bricht fast immer in seiner Nähe eine Seuche aus. BSE, Vogelgrippe, Schweinepest: Er ist immer mittendrin statt nur dabei. Hier schlägt sich die Liebe der Österreicher zum ständigen Thematisieren von Krankheiten, diese seltsame Volkshypochondrie, literarisch aufs Schönste nieder. (Ja, das ist ein Pauschalurteil. Liebe Österreicher ohne hypochondrische Anwandlungen: Meldet euch gerne bei mir und beweist mir, dass ich falsch liege.)

Zum Glück verliebt Benjamin Lee sich zwischenzeitlich sehr lange nicht: Er ist in festen Händen. Das ist die Phase, in der der Erzähler sich mit ihm anfreundet und sich auch gleich noch in seine Frau verguckt. Als Benjamin Lee sich in Peking die Vogelgrippe einfängt und mit einer Holländerin vorübergehend verschwindet, versucht der Erzähler die besorgte Ehefrau zu trösten, löst aber unabsichtlich die finale Ehekrise aus.

Ganz, ganz wunderbar fand ich auch, dass Haas statt atmosphärischen Beschreibungen oft einfach nur [LONDON, FRISUREN, MODE] oder [BESCHREIBUNG DER BRÜCKE] einfügt. Diese Stellen kenne ich als Autorin nur zu gut, aber die Chuzpe, daraus einen Running Gag zu machen, muss man erst mal haben. Meine Lieblingsstelle ist [PARKATMOSPHÄRE EINFÜGEN. BÄUME UND LEUTE ETC. EVTL. VON BRUNO SCHREIBEN LASSEN. ODER VON HELGA, FALLS SIE SCHON WIEDER DA IST].

Das hat mich ein bisschen an diesen Tweet erinnert:

Was jetzt? Als nächstes muss es der Mann lesen, und dann werde ich es etwa drölfzigtausend Mal nachkaufen und verschenken.

Wolf Haas: „Verteidigung der Missionarsstellung“. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2012. 239 Seiten, gebunden, 19.90 Euro.