Kategorie: Ernstes

#12 – Zeina Abirached: „Das Spiel der Schwalben“

Provenienz: Der beste Bruder von allen hat es mir zu Weihnachten geschenkt.

Ungelesen seit: zweieinhalb Monaten

13947030266510Meine Erfahrungen mit graphic novels kann ich ohne großes Kokettieren als verschwindend gering bezeichnen. Ich habe „Persepolis“ von Marjane Satrapi gelesen, aber das war es auch schon. Ist ja auch mal schön, vollkommen uninformiert unvoreingenommen an die Sache heran zu gehen. Und gleich zu bemerken: Um die Bilder richtig zu verstehen, braucht man eine Weile.

Das liegt am Stil von Zeina Abirached, die Bilder wie Holzschnitte macht. Oft ist dadurch das Wesentliche weiß, und ich musste meine Sehgewohnheiten erst mal umstellen. Abirached erzählt von einer Nacht im Jahre 1984 in Ost-Beirut, mitten im libanesischen Bürgerkrieg. Sie selbst ist noch ein kleines Mädchen und wartet mit ihrem Bruder auf die Rückkehr der Eltern. In dieser Nacht ist es mit den Heckenschützen und Granaten draußen besonders schlimm, deshalb wagen die Eltern es nach einem Besuch bei der Großmutter nicht, den kurzen Weg über die gefährlichen Straßen nach Hause anzutreten.

Die Kinder haben sich in die Diele zurückgezogen, wo die Familie inzwischen fast ausschließlich lebt. Das ist der sicherste Raum der Wohnung, des Hauses sogar, weil er im ersten Stock liegt. Deshalb kommen jeden Abend die Nachbarn vorbei. An diesem Abend bringen sie Salat mit, es wird ein Kuchen gebacken, Whisky getrunken und aus „Cyrano de Bergerac“ zitiert. Alle sorgen sich um die Eltern der Kinder, aber Zeina Abirached lässt auch eine große Geborgenheit in den Bildern um ihre Figuren entstehen. Gelegentlich sind sie sogar verblüffend witzig. Die Autorin nimmt sich die Zeit, die Geschichten der Nachbarn zu erzählen, und verrät en passant viel darüber, wie liberal der Libanon in den Siebzigern schon war. Trotzdem wartet der Horror die ganze Zeit vor der Haustür.

Ich bin fast derselbe Jahrgang wie die Autorin. Es berührt mich deshalb besonders, was sie als Kind erleben musste, während ich Plastikponys gekämmt habe. Meine erste weltpolitische Erinnerung ist die an Tschernobyl, und man kann nicht behaupten, dass ich damals die Tragweite auch nur ansatzweise erfasst hätte: Ich fragte, ob der Spinat nun auch vergiftet sei, und freute mich sehr, als meine Mutter dies bejahte. Es war die Insel der Seligen, und andere Kinder lebten im Krieg. Sich das immer mal wieder bewusst zu machen, kann wirklich nicht schaden.

Was jetzt? Das Buch bleibt bei mir. Es wird sich eine gute Gesellschaft dafür finden.

Zeina Abirached: „Das Spiel der Schwalben“. Graphic Novel. Avant-Verlag, Berlin 2013. 182 Seiten, broschiert, 19.95 Euro.

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#11 – Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“

Provenienz: Ich wollte dieses Buch schon lange lesen und habe es mir zu Weihnachten gewünscht. Jetzt ärgere ich mich darüber.

Ungelesen seit: zweieinhalb Monaten

Auf Seite 80 war ich angelangt, als ich abends über diesen Offenen Brief stolperte. Lewitscharoff hatte im Dresdner Schauspielhaus eine Rede gehalten, die man als menschenverachtend bezeichnen muss. Hier gibt es sie in voller Länge zum Nachlesen.

Mein erster Impuls war: Ich lese das Buch nicht zu Ende. Ich weigere mich, ein Buch von einer Frau zu lesen, die andere aufgrund ihres Kinderwunsches oder der Art ihrer Zeugung so pauschal und kaltherzig verurteilt.

Aber dann fiel mir die Position ein, die ich zur Trennung von Autor und Werk immer vertreten habe. Bestimmt sind unter meinen Lieblingsbüchern auch welche von Schriftstellern mit ekelhaften Überzeugungen. Die waren zwar immerhin so freundlich, sie nicht voll umfänglich in die Welt hinaus zu blasen, aber wer weiß. Ich habe es also zu Ende gelesen. Ein Buch von Lewitscharoff zu kaufen, würde ich in Zukunft aber auch unterlassen, wenn mir „Blumenberg“ gefallen hätte. Eine Wirtschaftseinheit sind Autor und Werk nämlich durchaus, und ich kaufe schließlich auch nichts von Müller-Milch, seit Herr Müller mehrere Journalisten tätlich angegriffen hat.

Gleichzeitig ist es mir heute unmöglich, nicht zu ihrer Rede Stellung zu beziehen, wenn ich über Lewitscharoff schreibe. Gerade ärgert mich vor allem ihre Slalom-Taktik. „Gemeinhin bin ich bestrebt, meinen Vorträgen durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen, damit der Ernst, der sich darin auch zu Wort meldet, besser verdaut werden kann. Bei dem heute gewählten Thema fällt mir das schwer“, sagte sie einleitend. Dann bezeichnete sie ein Verbot der Onanie als „weise“ und sagte über die Kinder künstlicher Befruchtung, „dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Im Interview mit der F.A.Z. verkaufte sie die Onanie-Bemerkung dann als Polemik und Ironie – in einer Rede, die sie vorher eigens als ernst angekündigt hatte. Sie habe dazu gedient, die Zuhörer aufzuwecken. Wer Zuhörer nicht ohne solchen Unsinn aufwecken kann, sollte vielleicht einfach keine Reden vor bequemen Polsterstühlen halten. Die Bezeichnung „Halbwesen“ weigerte sie sich jedoch zurückzunehmen. Nur um sich später im „Morgenmagazin“ auch dafür zu entschuldigen, nachdem selbst der Suhrkamp-Verlag sich bereits von seiner Autorin distanziert hatte. Manchem klang bereits die Rede nach Kalkül zum Marketing ihres neuen Buches. Ich habe den Eindruck, sie denkt erst seit dem öffentlichen Aufschrei an ihre Verkaufszahlen.

Ich habe Freunde, die zu den Menschen gehören, die Lewitscharoff so rüde aburteilt. Menschen mit großem Kinderwunsch, die fantastische Eltern sein werden, wenn es denn endlich mit ein bisschen Hilfe geklappt hat. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, wie man so verbohrt sein kann, ihnen die Chance auf eine Familie abzusprechen. Und ich staune, wie jemand, der sich immer wieder auf die Bibel beruft, so wenig Nächstenliebe in sich tragen kann.

13941892959200Kommen wir zum Buch. Ich kann nicht ausschließen, dass mein Ärger mich da beeinflusst hat, aber ich war schon vor dem Vorfall nicht begeistert. Lewitscharoff hat eine Hommage an den Philosophen Blumenberg verfasst, und ich konnte nicht fassen, dass der Klappentext ihn als „hochsympathisch“ bezeichnet. Ich fand die Figur lächerlich und musste erst mal googeln, ob das Buch nicht doch als Satire gemeint ist. Ist es nicht.

Blumenberg sieht eines Tages einen Löwen in seinem Arbeitszimmer, der ihn fortan begleitet. Er macht sich allerlei hochtrabende Gedanken darüber, warum ausgerechnet ihm diese kosmische Ehre zuteil wird: „Ob über ihm als Nachtwächter eine andere Nacht Wache hielt, mit durchdringender Intelligenz begabt, die ihm den Löwen zu Ermunterungszwecken geschickt hatte, vielleicht aber auch, damit endlich klarer, rücksichtsloser, entschiedener geschrieben wurde, damit er Risiken einging und sein Äußerstes zu Papier brachte?“

Weniger prätentiös ist die Sprache selten. Noch ein Beispiel? Ja? Na gut: „Von der Enthärtung der physischen Wirklichkeit bei unverwandt in die Erscheinung hineinblühendem Sein ging etwas zutiefst Beruhigendes aus.“ So eine halbgare Klugscheißerei habe ich zuletzt in einem Soziologie-Seminar gehört, bevor ich mit wehenden Fahnen das Nebenfach wechselte.

Zwei der Kapitel tragen die sprechenden Titel „Kurzes Zwischenstück darüber, wo die Zuständigkeit des Erzählers endet“ und „Weiteres Zwischenstück, in dem der Erzähler die Zeit um ein Jahr voranschiebt“. Zu Beginn des zweiten heißt es: „Anders als versprochen, meldet sich der Erzähler noch einmal zu Wort.“ Falls das ein Kunstgriff sein soll, hat Lewitscharoff ihn geschickt kaschiert. Mir kommt es vor, als würde mich der Chirurg während der Operation aufwecken und fragen, ob er den Blinddarm ganz entfernen soll oder nur halb oder ob ich stattdessen vielleicht eine Frikadelle implantiert bekommen möchte. Mir ist es sehr recht, wenn ein Autor seine Gedanken über die beste Erzählweise mit sich selbst oder seinem Verlag ausmacht, und mir nicht seine unausgegorenen Ideen vor die Füße kippt. Apropos Erzählweise: Wenn die Geschichte auserzählt ist, führt Lewitscharoff einfach eine neue Figur ein und erzählt ab da von der. Ich komme leider nicht umhin, das plump zu finden.

Natürlich habe ich in den letzten zwei Dritteln die ganze Zeit nach einem Hinweis auf Lewitscharoffs Überzeugungen gesucht. Aber so einfach war es nicht. Ich habe stattdessen das Gegenteil gefunden. „Der Tod hat keinen Wert, das Leben allen“, schreibt sie. Stimmt. Als sie die künstliche Befruchtung geißelte, hatte sie das wohl vergessen.

Was jetzt? Momox-Stapel. Auch wenn der Wertverlust wahrscheinlich dramatisch ist.

Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 216 Seiten, Taschenbuch, 8.99 Euro.

#8 – Judith Hermann: „Sommerhaus, später“

Provenienz: aus der großen Kollegen-Schenkung

Ungelesen seit: einundzwanzig Monaten

13927196167180Warum habe ich eigentlich noch nie etwas von Judith Hermann gelesen? Asche auf mein Haupt. Die Verfilmung einiger Geschichten aus „Nichts als Gespenster“ habe ich gesehen, 2007, und ich weiß nur noch, dass sie mir gefallen hat – mehr nicht. Was für eine gnädige Verkürzung. Das sollte einem mit Menschen öfter so gehen.

Dann war ich noch 2009 bei einer Lesung aus „Alice“ im Münchner Literaturhaus. War toll. Ich hätte also schon viel früher dieses Buch in die Hand nehmen sollen. Womöglich hat mich das Cover abgeschreckt. Die Fischer-Taschenbibliothek ist haptisch und auch optisch sonst ein solches Vergnügen, aber dieses Motiv wurde von der Erstausgabe übernommen und funktioniert als Ausschnitt einfach nicht. Das Buch hat was Besseres verdient!

In Judith Hermanns Kurzgeschichten verändert sich niemandes Leben. Sie bilden Episoden ab, die die Figuren möglicherweise prägen, möglicherweise aber auch nur unwichtige Erinnerungen hinterlassen. In dem Punkt haben sie mit denen von Clemens Meyer wirklich gar nichts gemein. Erfreulicherweise fehlt ihnen dadurch auch jene etwas gewollte Wucht. Ähnlich wie bei Meyer ist nur die Homogenität der Figuren: Alle sind Künstler oder sonstwie Kreative; man arbeitet grundsätzlich schon, nur jetzt gerade nicht. Herrliche Zustände. Dieser Umstand liefert nebenbei tatsächlich ein kleines Sommerferien-Gefühl mit.

Die Autorin ist kurz angebunden, ohne lakonisch zu werden. Das würde ihre Figuren abwerten, und davon ist sie weit entfernt. Ihre Geschichten sind wie ein perfekter Kopfsprung: Man gleitet sanft ins Wasser, schnell hindurch, und kann am anderen Ende des Beckens unbeschadet wieder rausklettern. Aber sie bieten durchaus Gelegenheit, noch ein bisschen darin zu baden.

Das mag trivial klingen, und tatsächlich musste ich eine Weile darüber nachdenken, warum trotzdem jede einzelne Geschichte lesenswert ist: Es sind die komplexen Beziehungen der Figuren. Die junge Frau, die von der Depression ihres Liebhabers fasziniert ist. Der Mann, der die Tochter seines alten Freundes nicht rauswerfen will. Der Adabei, der mit dem Kauf eines Sommerhauses seine Clique zu beeindrucken versucht. Die Frau, die sich in einem sorglosen Urlaub in einen kiffenden Familienvater verliebt. Nichts davon ist weltbewegend, aber alles interessant. Eine solche Leichtigkeit mit Tiefgang zu verbinden, zeichnet Judith Hermann aus.

Was jetzt? Kommt auf den Ehrenplatz neben Alice Munro. (Die muss ich auch bald zu Ende lesen.)

 Judith Hermann: „Sommerhaus, später“. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2007. 207 Seiten, gebunden, 9 Euro.

#7 – Franz Kafka: „Betrachtungen über Leben, Kunst und Glauben“

Provenienz: Das muss bei mir gelandet sein, als ich mal über irgendeinen Kafka-Jahrestag geschrieben habe. Durchgelesen habe ich es damals aber nicht.

Ungelesen seit: Hm. Das könnten durchaus fünf Jahre sein.

13924790665274Dieses Buch beweist absolut überzeugend, warum man ein Blog schreiben sollte: Selbst die Tagebucheinträge und Notizen von Kafka lesen sich oft unausgegoren. Einige sind auch aus dem Zusammenhang gerissen, nun gut, dafür kann er nichts. Aber die Briefe, in denen er gezwungen war, seine Gedanken etwas mehr in eine Richtung zu lenken – die sind oft einfach toll.

Die Auswahl lässt ein Bild von Kafka entstehen als Haderer, als Zauderer. Einer, der grundsätzlich schon gerne heiraten würde, der aber, sobald er sich zur Heirat entschließt, „nicht mehr schlafen kann, der Kopf glüht bei Tag und Nacht, es ist kein Leben mehr, ich schwanke verzweifelt herum.“ Einer, dem Sex unheimlich ist. Einer, der beim Schreiben mit seinen Metaphern furchtbar unzufrieden ist. Mit seinen Metaphern! Wir erinnern uns: Das ist der Mann mit dem wunderbaren Satz, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Auch diese Bemerkung stammt übrigens aus einem Brief.

Hochinteressant sind seine Überlegungen zur Erziehung und Familie. Dass Eltern im Allgemeinen gerechter seien zu ihren Kindern als umgekehrt, zum Beispiel. Das würde ich sofort unterschreiben, aber als Kind war ich ganz sicher entgegengesetzter Auffassung – wie also herausfinden, was wahr ist? Dann verliert Kafka noch ein paar Worte über Tyrannei und Sklaverei als Erziehungsmittel. Just als ich das las, saß ich in einer U-Bahn, wo eine Mutter sich zum Sklaven ihrer Kinder gemacht hatte. Sie redeten im Befehlston mit ihr, und sie schien ganz verzaubert von ihnen. Ich weiß also nun, was Kafka meinte.

Und weil es so schön ist, habe ich hier noch ein längeres Zitat. Jahreszeitlich nicht perfekt, aber ist nicht immer irgendwie Anfang des Sommers? Dieser dauert eben noch ein bisschen.

„Es ist sehr leicht, am Anfang des Sommers lustig zu sein. Man hat ein lebhaftes Herz, einen leidlichen Gang, und ist dem künftigen Leben ziemlich geneigt. Man erwartet Orientalisch-Merkwürdiges und leugnet es wieder mit komischer Verbeugung und mit baumelnder Rede, welches bewegte Spiel behaglich und zitternd macht. Man sitzt im durcheinandergeworfenen Bettzeug und schaut auf die Uhr. Sie zeigt den späten Vormittag. Wir aber malen den Abend mit gut gedämpften Farben und Fernsichten, die sich ausdehnen. […] Und wenn man uns nach unserm beabsichtigten Leben fragt, so gewöhnen wir uns im Frühjahr eine ausgebreitete Handbewegung als Antwort an, die nach einer Weile sinkend wird, als sei es so lächerlich unnötig, sichere Dinge zu beschwören.“

Was jetzt? Wahrscheinlich wird es sich zwischen den Aphorismen von Oscar Wilde und den Gedanken von Kurt Tucholsky äußerst wohl fühlen.

Franz Kafka: „Betrachtungen über Leben, Kunst und Glauben“. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2007. 94 Seiten, Taschenbuch, 6 Euro.

#5 – Clemens Meyer: „Die Nacht, die Lichter“

Provenienz: Geschenk von Kollegen, zusammen mit einem großen Schwung anderer Bücher

Ungelesen seit: anderthalb Jahren

Bild5Clemens Meyer ist der Autor von „Im Stein“, der im Vorfeld des letzten Deutschen Buchpreises so offenkundig siegessicher war. Die Jury gab dann allerdings Terézia Moras „Das Ungeheuer“ den Vorzug, und Meyer wurde mir einerseits sehr sympathisch, weil er seine Enttäuschung so deutlich zeigte: kein verkniffenes Lächeln, kein Überspielen. Andererseits war auch viel echte Empörung dabei. So sehr von dem eigenen Werk eingenommen zu sein, dass man andere nicht gelten lassen kann – das war mir dann doch eher unsympathisch. Eine insgesamt neutrale Gefühlslage also, mit der ich seinen Kurzgeschichtenband in die Hand nahm.

„Die Nacht, die Lichter“ ist nicht nur der Titel einer der Geschichten, sondern auch ein wiederkehrendes Motiv. Eigentlich ist dauernd Nacht, und dauernd sieht jemand irgendwelche fernen Lichter. Clemens Meyer macht sich einen Spaß daraus, jede einzelne seiner Figuren ins offene Messer laufen zu lassen – je sympathischer der Mensch, desto schärfer das Messer. Das ist auf Dauer durchaus einseitig. Die Männer sind irgendwie meistens Boxer und die Frauen fast alle Prostituierte, und wenn das jetzt ein bisschen genervt klingt, habe ich alles richtig gemacht.

Meyer hat sein Studium unter anderem als Gabelstaplerfahrer finanziert. Das verschafft ihm eine wunderbare Street Credibility, wenn er über Gabelstaplerfahrer schreibt. Ich habe das Gefühl, jetzt alles darüber zu wissen, wie man die Gabel richtig anhebt, und ja, das ist durchaus interessant. Aber ich werde gleichzeitig das Gefühl nicht los, dass er eine Welt heraufbeschwört, in der sich immer alles zum Schlechten wendet, weil er ernst genommen werden will. Und Autoren, die auf hart machen, das aber sprachlich in mühevoller Arbeit drechseln, überzeugen mich nicht.

Dabei kann man dem Buch handwerklich überhaupt nichts vorwerfen. Bis auf die Tatsache, dass es keine gute Pointe ist, jede Geschichte im worst case enden zu lassen. Das macht die Lektüre etwas vorhersehbar. Die Frage ist dann nur: Verliert der Mann all sein Geld auf der Rennbahn, oder gewinnt er und wird erst auf dem Heimweg überfallen?

Was jetzt? Der nächste Kerl, der mir über den Weg läuft und den Harten markiert, bekommt es geschenkt. Und ein genervtes Kopfschütteln dazu.

Clemens Meyer: „Die Nacht, die Lichter“. Stories. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010. 299 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#4 – Jürg Federspiel: „Böses. Wahn und Müll“

Provenienz: Wenn ich das wüsste. Plötzlich war es da. Wahrscheinlich ist es meinem Regal von selbst gewachsen.

Ungelesen seit: Mindestens zwei Jahren. Eher länger.

Bild4Dies ist eines der Bücher, bei denen man erst mal über den Klappentext hinwegkommen muss. Denn: „Eine quirlige, prall-packende Reportagesprache mit vielen Zwischentönen ist allen diesen Geschichten gemeinsam, die eingebettet sind in Gedichte, in innere Monologe, die poetisch spürbar machen, wie sinnenfroh und zutiefst traurig über den ‚Wahn‘ und ‚Müll‘ der Autor Jürg Federspiel ist.“

Ah ja, gut. Ich hab das nicht gespürt, nicht mal poetisch, aber vielleicht fehlen mir da auch die entscheidenden Synapsen. Um genau zu sein, würde ich vermuten, mit dem „Müll“ im Titel sind, pardon, die Gedichte gemeint. Die sind nämlich schwer erträglich. Von Jürg Federspiel stammt die Erzählung „Die Ballade von der Typhoid Mary“, die ich sehr mag. Aber die ganz kurze Form scheint nicht sein Ding gewesen zu sein.

Immerhin, es gibt ja auch noch die Geschichten im Buch. Sieben an der Zahl, sehr unterschiedlich erzählt, und eigentlich müsste man sie Reportagen nennen, wenn, ja wenn Jürg Federspiel tatsächlich immer dabei gewesen wäre. Einige davon beschäftigen sich aber mit längst vergangenen Ereignissen wie dem Brand des Wiener Ring-Theaters im Jahre 1881. Aus diesem Ereignis hat er ein schräges Dramolett gemacht. Im Porträt über den Schweizer Maler Varlin geht es nicht nur um jenen, sondern auch um die Gemeinsamkeit von Autor und Maler, umgeben von Frauen aufgewachsen zu sein. Das ist einerseits befremdlich, weil vieles andere so journalistisch daher kommt, andererseits: Egal, es ist ja auch irgendwie interessant. Halten wir uns nicht mit Stilfragen auf.

Denn ein paar der Geschichten, die Federspiel an Land gezogen hat, sind wirklich außergewöhnlich. Es geht zum Beispiel um Clarence Schmidt, der in Woodstock seit den frühen 1920er Jahren eine eigene Welt schuf: einen Wald, in dem die Bäume in Alufolie eingepackt und mit Spiegeln behängt waren, ein Haus, das nicht zum Wohnen gedacht war, und Installationen, wohin man blickte. Hier sind ein paar tolle Fotos davon zu sehen. Die ganze Pracht brannte mehrmals nieder. Dann geht es noch um eine Hippie-Kommune, die eher was von Mafia hat, um eine riesige Mülldeponie und um Madame Tussaud. Die Gute stammte nämlich aus einer Henkersfamilie, hieß mit Mädchennamen Marie Grossholz und hat eine recht interessante Lebensgeschichte.

Nebenbei erfährt man fun facts wie diesen: Das Hobby von Louis XVI war Eisenschmieden. Als er kurz vor der französischen Revolution die gerade erfundene Guillotine besichtigte, schlug er vor, das Fallbeil dreieckig statt rechteckig zu schmieden. Joseph Ignace Guillotin befand die Idee für gut. Bald darauf gehörte der Hals von Louis XVI zu den ersten, die von dieser Verbesserung profitieren durften. Da lacht das Zynikerherz!

Was jetzt? Kommt zurück ins Regal. Die Geschichten darin sind Existenzberechtigung genug.

Jürg Federspiel: „Böses. Wahn und Müll.“ Suhrkamp, Frankfurt 1990. 135 Seiten, Taschenbuch, vergriffen.

#3 – Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“

Provenienz: Meine Großmutter hat uns zu Weihnachten einen Schwung Bücher gekauft, und jeder sollte sich eines aussuchen. Ich wollte dieses. Bestseller, dachte ich mir, da kannste nicht viel falsch machen.

Ungelesen seit: dreizehn Monaten

BIld3Mit diesem Buch kann man wahrscheinlich Diabetiker töten. Es fängt so dermaßen überkitscht und zuckersüß an, dass ich es kaum ertragen konnte. Der wissbegierige Junge, dessen verwitweter Vater sich so rührend für ihn aufopfert in schwierigen Zeiten. Man meint, in einen Disneyfilm geraten zu sein. Diese Phase muss man erst mal überstehen.

Dann wird es aber schon richtig spannend. Der Junge, Daniel, gerät an ein Buch namens „Der Schatten des Windes“ und ist begeistert davon. Er will alles über den Autor erfahren, aber dessen Geschichte ist geheimnisvoll – und tragisch. Seine weiteren Bücher, die Daniel gerne lesen würde, sind im Laufe der vergangenen Jahre von einem Unbekannten aufgekauft oder gestohlen und verbrannt worden. Nach und nach findet Daniel in Barcelona einige Leute, die ihm etwas über den Autor verraten können. Diese Schnipsel setzt er zusammen und forscht immer weiter.

Eine überaus klassische Erzählweise also, wie in einem Detektivroman. Und glücklicherweise ist die Geschichte spektakulär genug, dass man über die Schweißnähte hinwegsehen kann. Warum nämlich ausgerechnet Daniels große Liebe sich gerne heimlich in ein bestimmtes von all den Häusern in Barcelona zurückzieht, das für seine Recherche wichtig ist – nun ja. Zafón hat diese leichten Konstruktionsschwächen ganz geschickt im Voraus dadurch rechtfertigt, dass zwischen Daniel und dem mysteriösen Autor eine Art magische Verbindung besteht. Das erlaubt ihm das Niederschreiben unglaubwürdigster Zufälle. Cleverer Schachzug.

Die kitschige Grundkonstellation wird übrigens immer mehr abgetragen, je älter Daniel wird und je mehr er von der Welt mitbekommt. In Barcelona kann man nämlich ausgerechnet der Polizei schon seit dem Bürgerkrieg in der 1930er Jahren nicht mehr trauen. Um genau zu sein: Man muss sie fürchten. Was in den Rückblenden vom Bürgerkrieg erzählt wird und was zur Zeitpunkt der Erzählung von dieser Unruhe noch übrig ist, beschreibt Zafón fast nebenbei, aber in drastischen Szenen. Das gibt dem Buch eine politische Tiefe, die es dringend braucht. Sonst könnte es nämlich fast ein ambitionierter Jugendroman sein.

Was jetzt? Ich habe es noch während des Urlaubs, in dem ich es ausgelesen habe, einem Mitreisenden geliehen. Wenn ich ihn richtig einschätze, bekomme ich es zurück. Dann landet es neben Gabriel García Márquez. Ja, ich weiß schon, der ist Kolumbianer. Aber allzu viele Spanier gibt es bisher in meinem Regal nicht.

Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Suhrkamp, Berlin 2012. 562 Seiten, Taschenbuch, 9.99 Euro.