Kategorie: Hintergrund

Meine Pläne für Anfang Mai

Selten wusste ich lange im Voraus so genau, wo ich an einem Wochenende sein würde, und zugleich so gar nicht, was ich dort machen werde. Am 2. und 3. Mai bin ich nämlich zur Loveletter Convention in Berlin eingeladen. Dort treffen sich Autorinnen und Leserinnen von Liebesromanen (okay, ein paar Männer werden auch dabei sein) zum Quatschen, Lesen, Spielen und Signieren.

Was davon ich tun soll und wann genau, fragte ich meinen Verlag irritiert und bekam zur Antwort, och, das sei noch nicht so klar, aber lustig werde es immer. Nachdem ich bei Facebook ein bisschen recherchiert habe, bin ich sehr geneigt, das zu glauben. Mein neuer Favorit in den offenen Fragen der LLC-Facebook-Gruppe ist, ob es uns Autorinnen eigentlich recht oder eher unangenehm sei, dauernd umarmt und geknuddelt zu werden. Ja nun – ich kann mir noch nicht so recht vorstellen, dass es Menschen gibt, die mich knuddeln wollen, ohne mich jemals zuvor gesehen zu haben. Andererseits hatte ich bei ihnen natürlich noch keine Gelegenheit, den netten ersten Eindruck zu ruinieren. Insofern muss ich mich vielleicht eher fragen, warum mich Menschen umarmen wollen, die mich schon kennen.

Gleichzeitig hat die Frage ein gewisses Konkurrenzdenken bei mir ausgelöst. Da werden Autorinnen geherzt! Was, wenn ich als einzige nicht umarmt werde? Da rückt die Frage, ob mir das unangenehm ist, seltsam in den Hintergrund. Ich werde es ohnehin bald herausfinden. In einem Monat weiß ich mehr.

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„Sei mein Frosch“ lesen

WelpeAm 16. Februar erscheint endlich mein zweites Buch! Zeitgleich ziehe ich um, von München nach Frankfurt. Einen neuen Job habe ich auch begonnen, was sich bereits in der Blogfrequenz niedergeschlagen hat. Jede Menge Veränderungen also, und wie so viele Menschen liebe ich Veränderungen. Manchmal liege ich extra nachts wach, um über sie nachzudenken.

Deshalb halten wir uns nun an dem fest, was klar und einfach ist: Ihr könnt die ersten 30 Seiten von „Sei mein Frosch“ jetzt schon online lesen. Und ich würde natürlich dringend dazu raten! Ist klar. Hier geht’s zur Leseprobe. Eine kurze Inhaltsangabe findet ihr hier. Über Feedback in den Kommentaren freue ich mich sehr.

Einer von tausend Toden

1000 Tode ist ein Projekt des Frohmann Verlags: 1000 Autoren schreiben 1000 kurze Texte über den Tod. Der Herausgeber-­ und Autorenanteil, das sind 50 Prozent des Nettoreingewinns, wird an das Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-­Pankow gespendet. Von mir ist dieser Text dabei.

*****

„Weißt du“, sagt sie, „ich hab keine Angst vorm Altwerden.“ Wir sitzen auf dem Sofa ihrer neuen WG. Erst vorige Woche ist sie eingezogen, hat jetzt zwei Mitbewohnerinnen und drei Mitbewohner, die sie nett findet. Abgecheckt hat sie die Männer auch gleich. „Aber da ist keiner für mich dabei“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Seit einem Jahr ist sie jetzt Single. Das Ende ihrer Beziehung war unschön, sie erinnert sich nicht gern daran. Das meiste hat sie schon vergessen.

In der neuen WG ist viel los. Ein Kommen und Gehen an der Tür, sie bekommen dauernd Besuch, der oft Stunden bleibt und sich in der Küche zu schaffen macht. Die meisten Gesichter hat sie jetzt schon einmal gesehen, sie kommen ihr bekannt vor, wenn sie ihnen auf dem Flur begegnet. Abends spielt sie mit ihren Mitbewohnern Mensch ärgere dich nicht. Sie mag eigentlich keine Brettspiele, aber sie mag die Gesellschaft, und zum Lesen ist sie meistens zu müde. Es gefällt ihr gut hier.

Als ich sie bald darauf wiedersehe, liegt sie mit einer Wundrose am Bein im Krankenhaus. Das Krankenhauszimmer ist lichtdurchflutet, aber die alte Frau neben ihr, die sich lautstark mit ihrer Tochter unterhält, macht sie nervös. Auch die Tiere, die sie an der Wand sitzen sieht, lenken sie von unserem Gespräch ab. Ich hole ihr aus der Cafeteria ein Stück Käsekuchen, von dem sie nur eine Gabel nimmt. Dann schläft sie ein. Ich esse mein Kuchenstück auf. Es schmeckt nach Pappe.

Das nächste Mal sehen wir uns in der Psychiatrie. Plötzlich hatte sie doch Angst bekommen. Wovor? Das kann oder will sie nicht erklären. Jetzt müssen ihre Beruhigungsmittel eingestellt werden. Wir unterhalten uns im Strandkorb auf der Terrasse. Auf ihrem Bett sitzt ein Teddy, den sie nachts im Arm hält.

Die Wundrose kommt zurück. Das nächste Krankenhaus liegt unweit eines berühmten Schlossparks und ist ein muffiger, düsterer Albtraum. Es scheint sie nicht zu stören. Sie singt leise vor sich hin und freut sich über den Besuch. Als ich es in ihrem Zimmer trotzdem nicht mehr aushalte, setze ich mich für ein paar Minuten in den Warteraum am Treppenhaus, wo Pfleger und Krankenschwestern aus den verschiedenen Stationen einander begegnen. Das verläuft immer gleich. Einer sagt: „Na.“ Der andere: „Geht schon.“ Der erste: „Muss ja.“ Ihre Gesichter sind grauer als die der Patienten.

Sie zieht wieder in ihr WG-Zimmer. Es geht ihr ein paar Tage lang gut. Aber dann wird sie immer müder. Ich sage meine Geburtstagsfeier ab und fahre zu ihr. Mit geschlossenen Augen liegt sie im Bett. „Willst du Musik hören?“ Sie nickt. Als die Bach-Kantate erklingt, erhebt sie die Arme und bewegt sie, als wolle sie dirigieren. Minutenlang. Sie hat noch richtig Kraft im Körper. Aber die Demenz dimmt ihren Geist herunter. Eine Woche später wird es dunkel um sie.

Eigentlich sprach sie vom Sterben, seit ich denken kann. Dass sie erst im Alter von sechsundachtzig Jahren sanft einschlafen würde, hatte sie wohl nicht zu hoffen gewagt. Der Tod fällt ihr leichter als das Leben.

#25 und #26 – und ganz viel Verschlankung

Es ist ja nicht so, dass ich nicht gelesen hätte. Gelesen und darüber geschrieben, allerdings nicht für dieses Blog, sondern für eine Zeitung. In absehbarer Zeit werden die Rezensionen hierzu erscheinen:

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Genau, zwei Bärinnen. Welches Buch sollte man mir auch sonst zur Rezension anvertrauen?

Das sind übrigens beides wirklich schöne Bücher. „Tango für einen Hund“ eher für ein jüngeres und männliches Publikum, schätze ich, und „Zwei Bärinnen“ einfach für jeden, der sich gerne mit dem Herzen voran in ein Buch wirft. In zwei Tagen erscheint es.

Weil aber dadurch mein alter Lesestapel nicht abschmolz, habe ich ihn noch einmal kritisch angeschaut. Vier Bücher habe ich aussortiert, von denen ich jetzt schon weiß, dass ich mich damit quälen müsste. Essays von Thomas Mann, den ich als Romancier sehr schätze, aber dessen Ansichten zur Politik mich nicht sonderlich interessieren. Gegen Dickens, dessen „Weihnachtsgeschichte“ ich eh für den Advent vorgesehen habe, und Oscar Wilde gab es nur zwei vollkommen unliterarische Gründe: Ich habe gerade keine Lust, mich durch so dicke Wälzer auf Englisch zu wühlen. Dafür brauche ich etwa die anderthalbfache Lesezeit wie für deutsche Bücher, also lese ich dann doch ganz gern eine gute Übersetzung. Außerdem habe ich von Oscar Wilde eh schon sehr viel gelesen und kann damit leben, nicht sein komplettes Werk inhaliert zu haben. Der Abschied von diesen vier Büchern verschafft mir etwa zwanzig Zentimeter Platz im Regal, und das stimmt mich froh. Falls jemand von euch kurzfristig seine Liebe zu einem davon entdeckt: Bitte melden! Es lässt sich bestimmt eine Übergabe arrangieren.

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Warum ich im Urlaub doch nicht so viel gelesen habe

Gut, natürlich war da die Tatsache, dass in der ersten Urlaubswoche meine komplette Schwiegerfamilie um mich herumsprang, inklusive zweier durchaus aktiver kleiner Mädchen. Und das Hindernis, dass ich erst nach fünfzig Seiten verstanden habe, dass ich bei Sartre nicht jedes französische Wort nachschlagen sollte, das ich nicht kenne. Aber mal ehrlich: Was mich wirklich davon abgehalten hat, so viel zu lesen, wie ich vorhatte, war etwas ganz anderes.

Kaum hatten wir nämlich die Ferienwohnung für die zweite Woche bezogen, kippten das Beutekind und ich ein fünfhundertteiliges Puzzle aus. Ich dachte, es wäre nett, daran gemeinsam im Laufe der Woche herumzupuzzeln. Es liegt auf einem Beistelltisch, man schaut ab und zu für ein paar Minuten drauf, legt ein Teil an die richtige Stelle und geht wieder. So ein bisschen wie Schach für Dumme.

Es stellte sich dann aber heraus, dass ich mich von diesem bumshässlichen Darth-Vader-Puzzle kaum noch lösen mochte. Das Ding hat eigentlich nur rote und schwarze Teile, schräg hindurch geht ein Lichtschwert. Ich kann wirklich nicht behaupten, es hätte meine ästhetischen Ansprüche befriedigt. Trotzdem saß ich mit dem Gesichtsausdruck eines  Schimpansen jeden Tag davor. Und dann passierte das, was immer passiert: Ich hatte irgendwelche Fehler gemacht, und es blieben Lücken übrig, in die die verbliebenen Teile nicht passten.

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Rien ne va plus.

Es war ALLES GENAU WIE FRÜHER, und ich sage das nicht ohne Horror. Genau wie als Kind wollte ich an dieser Stelle die nicht ganz passenden Teile nehmen und mit einem gezielten Faustschlag einpassen. Mir fiel wieder ein, dass ich früher ein Puzzle hatte, bei dem einem Teilchen ein Stück fehlte, und im Nachhinein nehme ich an, dieses Stück fehlte, weil es mir nicht in den Kram passte. Ich rief das Kind zu Hilfe, das einen fachmännischen Blick auf die Katastrophe warf und ein großzügiges Loch in den bereits fertigen Bereich riss, auf dass ich alles neu zusammensetzen und es sich dann wundersam zusammenfinden möge. Das habe ich auch getan, und mein Stolz darüber, dass am Ende alles passte, war mir noch peinlicher als mein Entsetzen darüber, dass es zuvor nicht passte.

Puzzles gehen also gemeinsam mit gesalzener Karamellcreme in die Liste der Suchtstoffe ein, von denen ich mich nach diesem Urlaub fernhalten sollte. Dafür habe ich noch ziemlich viel Sartre vor mir. (Ein wehleidiges Buch. Meine Güte.)

Literarische Urlaubsplanung für Trottel

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Selbst Graffitigeister lachen mich aus.

Mein Urlaub wirft seine Schatten voraus, und ja, ich habe Sartre auf Französisch eingepackt. Das Buch, um das ich mich schon seit etwa sieben Jahren und nun noch vehementer seit Jahresanfang drücke. Es hilft ja nichts.

Aber weil ich ja nicht nur Sartre lesen will, habe ich auch noch zwei Kitschromane auf den Kindle geladen. Eigentlich wollte ich was von Meg Cabot, aber dann verwechselte ich sie mit Susan Elizabeth Phillips. Von ihr lud ich zwei Romane, und es stellten sich zwei erstaunliche Effekte ein: Erstens, die beiden erzählen exakt dieselbe Geschichte (Mauerblümchen verliebt sich in Footballstar und erweicht sein Herz), lediglich ein paar Eckdaten sind ausgetauscht, und HUI, die Bücher strotzen so vor Sexszenen, dass es mir im Zug etwas peinlich war. Zweitens, ihr ahnt es: Ich habe beide bereits ausgelesen. Es war ein bisschen wie bei einem Verkehrsunfall, ich konnte nicht wegsehen. Und meine Trash-Seele ist etwas ausgetrocknet, das wird auch noch andauern, bis „Bauer sucht Frau“ wieder anläuft.

Jedenfalls hält mich jetzt nicht mehr viel von Sartre ab. Wer seine Urlaubslektüre so schlau plant wie ich, hat es ja auch irgendwie verdient, am Ende einen rechteckigen weißen Fleck auf dem Bauch zu haben. An der Stelle, wo das Wörterbuch jeden Tag liegt.