Kategorie: Hintergrund

#25 und #26 – und ganz viel Verschlankung

Es ist ja nicht so, dass ich nicht gelesen hätte. Gelesen und darüber geschrieben, allerdings nicht für dieses Blog, sondern für eine Zeitung. In absehbarer Zeit werden die Rezensionen hierzu erscheinen:

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Genau, zwei Bärinnen. Welches Buch sollte man mir auch sonst zur Rezension anvertrauen?

Das sind übrigens beides wirklich schöne Bücher. „Tango für einen Hund“ eher für ein jüngeres und männliches Publikum, schätze ich, und „Zwei Bärinnen“ einfach für jeden, der sich gerne mit dem Herzen voran in ein Buch wirft. In zwei Tagen erscheint es.

Weil aber dadurch mein alter Lesestapel nicht abschmolz, habe ich ihn noch einmal kritisch angeschaut. Vier Bücher habe ich aussortiert, von denen ich jetzt schon weiß, dass ich mich damit quälen müsste. Essays von Thomas Mann, den ich als Romancier sehr schätze, aber dessen Ansichten zur Politik mich nicht sonderlich interessieren. Gegen Dickens, dessen „Weihnachtsgeschichte“ ich eh für den Advent vorgesehen habe, und Oscar Wilde gab es nur zwei vollkommen unliterarische Gründe: Ich habe gerade keine Lust, mich durch so dicke Wälzer auf Englisch zu wühlen. Dafür brauche ich etwa die anderthalbfache Lesezeit wie für deutsche Bücher, also lese ich dann doch ganz gern eine gute Übersetzung. Außerdem habe ich von Oscar Wilde eh schon sehr viel gelesen und kann damit leben, nicht sein komplettes Werk inhaliert zu haben. Der Abschied von diesen vier Büchern verschafft mir etwa zwanzig Zentimeter Platz im Regal, und das stimmt mich froh. Falls jemand von euch kurzfristig seine Liebe zu einem davon entdeckt: Bitte melden! Es lässt sich bestimmt eine Übergabe arrangieren.

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Warum ich im Urlaub doch nicht so viel gelesen habe

Gut, natürlich war da die Tatsache, dass in der ersten Urlaubswoche meine komplette Schwiegerfamilie um mich herumsprang, inklusive zweier durchaus aktiver kleiner Mädchen. Und das Hindernis, dass ich erst nach fünfzig Seiten verstanden habe, dass ich bei Sartre nicht jedes französische Wort nachschlagen sollte, das ich nicht kenne. Aber mal ehrlich: Was mich wirklich davon abgehalten hat, so viel zu lesen, wie ich vorhatte, war etwas ganz anderes.

Kaum hatten wir nämlich die Ferienwohnung für die zweite Woche bezogen, kippten das Beutekind und ich ein fünfhundertteiliges Puzzle aus. Ich dachte, es wäre nett, daran gemeinsam im Laufe der Woche herumzupuzzeln. Es liegt auf einem Beistelltisch, man schaut ab und zu für ein paar Minuten drauf, legt ein Teil an die richtige Stelle und geht wieder. So ein bisschen wie Schach für Dumme.

Es stellte sich dann aber heraus, dass ich mich von diesem bumshässlichen Darth-Vader-Puzzle kaum noch lösen mochte. Das Ding hat eigentlich nur rote und schwarze Teile, schräg hindurch geht ein Lichtschwert. Ich kann wirklich nicht behaupten, es hätte meine ästhetischen Ansprüche befriedigt. Trotzdem saß ich mit dem Gesichtsausdruck eines  Schimpansen jeden Tag davor. Und dann passierte das, was immer passiert: Ich hatte irgendwelche Fehler gemacht, und es blieben Lücken übrig, in die die verbliebenen Teile nicht passten.

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Rien ne va plus.

Es war ALLES GENAU WIE FRÜHER, und ich sage das nicht ohne Horror. Genau wie als Kind wollte ich an dieser Stelle die nicht ganz passenden Teile nehmen und mit einem gezielten Faustschlag einpassen. Mir fiel wieder ein, dass ich früher ein Puzzle hatte, bei dem einem Teilchen ein Stück fehlte, und im Nachhinein nehme ich an, dieses Stück fehlte, weil es mir nicht in den Kram passte. Ich rief das Kind zu Hilfe, das einen fachmännischen Blick auf die Katastrophe warf und ein großzügiges Loch in den bereits fertigen Bereich riss, auf dass ich alles neu zusammensetzen und es sich dann wundersam zusammenfinden möge. Das habe ich auch getan, und mein Stolz darüber, dass am Ende alles passte, war mir noch peinlicher als mein Entsetzen darüber, dass es zuvor nicht passte.

Puzzles gehen also gemeinsam mit gesalzener Karamellcreme in die Liste der Suchtstoffe ein, von denen ich mich nach diesem Urlaub fernhalten sollte. Dafür habe ich noch ziemlich viel Sartre vor mir. (Ein wehleidiges Buch. Meine Güte.)

Literarische Urlaubsplanung für Trottel

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Selbst Graffitigeister lachen mich aus.

Mein Urlaub wirft seine Schatten voraus, und ja, ich habe Sartre auf Französisch eingepackt. Das Buch, um das ich mich schon seit etwa sieben Jahren und nun noch vehementer seit Jahresanfang drücke. Es hilft ja nichts.

Aber weil ich ja nicht nur Sartre lesen will, habe ich auch noch zwei Kitschromane auf den Kindle geladen. Eigentlich wollte ich was von Meg Cabot, aber dann verwechselte ich sie mit Susan Elizabeth Phillips. Von ihr lud ich zwei Romane, und es stellten sich zwei erstaunliche Effekte ein: Erstens, die beiden erzählen exakt dieselbe Geschichte (Mauerblümchen verliebt sich in Footballstar und erweicht sein Herz), lediglich ein paar Eckdaten sind ausgetauscht, und HUI, die Bücher strotzen so vor Sexszenen, dass es mir im Zug etwas peinlich war. Zweitens, ihr ahnt es: Ich habe beide bereits ausgelesen. Es war ein bisschen wie bei einem Verkehrsunfall, ich konnte nicht wegsehen. Und meine Trash-Seele ist etwas ausgetrocknet, das wird auch noch andauern, bis „Bauer sucht Frau“ wieder anläuft.

Jedenfalls hält mich jetzt nicht mehr viel von Sartre ab. Wer seine Urlaubslektüre so schlau plant wie ich, hat es ja auch irgendwie verdient, am Ende einen rechteckigen weißen Fleck auf dem Bauch zu haben. An der Stelle, wo das Wörterbuch jeden Tag liegt.

#11 – Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“

Provenienz: Ich wollte dieses Buch schon lange lesen und habe es mir zu Weihnachten gewünscht. Jetzt ärgere ich mich darüber.

Ungelesen seit: zweieinhalb Monaten

Auf Seite 80 war ich angelangt, als ich abends über diesen Offenen Brief stolperte. Lewitscharoff hatte im Dresdner Schauspielhaus eine Rede gehalten, die man als menschenverachtend bezeichnen muss. Hier gibt es sie in voller Länge zum Nachlesen.

Mein erster Impuls war: Ich lese das Buch nicht zu Ende. Ich weigere mich, ein Buch von einer Frau zu lesen, die andere aufgrund ihres Kinderwunsches oder der Art ihrer Zeugung so pauschal und kaltherzig verurteilt.

Aber dann fiel mir die Position ein, die ich zur Trennung von Autor und Werk immer vertreten habe. Bestimmt sind unter meinen Lieblingsbüchern auch welche von Schriftstellern mit ekelhaften Überzeugungen. Die waren zwar immerhin so freundlich, sie nicht voll umfänglich in die Welt hinaus zu blasen, aber wer weiß. Ich habe es also zu Ende gelesen. Ein Buch von Lewitscharoff zu kaufen, würde ich in Zukunft aber auch unterlassen, wenn mir „Blumenberg“ gefallen hätte. Eine Wirtschaftseinheit sind Autor und Werk nämlich durchaus, und ich kaufe schließlich auch nichts von Müller-Milch, seit Herr Müller mehrere Journalisten tätlich angegriffen hat.

Gleichzeitig ist es mir heute unmöglich, nicht zu ihrer Rede Stellung zu beziehen, wenn ich über Lewitscharoff schreibe. Gerade ärgert mich vor allem ihre Slalom-Taktik. „Gemeinhin bin ich bestrebt, meinen Vorträgen durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen, damit der Ernst, der sich darin auch zu Wort meldet, besser verdaut werden kann. Bei dem heute gewählten Thema fällt mir das schwer“, sagte sie einleitend. Dann bezeichnete sie ein Verbot der Onanie als „weise“ und sagte über die Kinder künstlicher Befruchtung, „dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Im Interview mit der F.A.Z. verkaufte sie die Onanie-Bemerkung dann als Polemik und Ironie – in einer Rede, die sie vorher eigens als ernst angekündigt hatte. Sie habe dazu gedient, die Zuhörer aufzuwecken. Wer Zuhörer nicht ohne solchen Unsinn aufwecken kann, sollte vielleicht einfach keine Reden vor bequemen Polsterstühlen halten. Die Bezeichnung „Halbwesen“ weigerte sie sich jedoch zurückzunehmen. Nur um sich später im „Morgenmagazin“ auch dafür zu entschuldigen, nachdem selbst der Suhrkamp-Verlag sich bereits von seiner Autorin distanziert hatte. Manchem klang bereits die Rede nach Kalkül zum Marketing ihres neuen Buches. Ich habe den Eindruck, sie denkt erst seit dem öffentlichen Aufschrei an ihre Verkaufszahlen.

Ich habe Freunde, die zu den Menschen gehören, die Lewitscharoff so rüde aburteilt. Menschen mit großem Kinderwunsch, die fantastische Eltern sein werden, wenn es denn endlich mit ein bisschen Hilfe geklappt hat. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, wie man so verbohrt sein kann, ihnen die Chance auf eine Familie abzusprechen. Und ich staune, wie jemand, der sich immer wieder auf die Bibel beruft, so wenig Nächstenliebe in sich tragen kann.

13941892959200Kommen wir zum Buch. Ich kann nicht ausschließen, dass mein Ärger mich da beeinflusst hat, aber ich war schon vor dem Vorfall nicht begeistert. Lewitscharoff hat eine Hommage an den Philosophen Blumenberg verfasst, und ich konnte nicht fassen, dass der Klappentext ihn als „hochsympathisch“ bezeichnet. Ich fand die Figur lächerlich und musste erst mal googeln, ob das Buch nicht doch als Satire gemeint ist. Ist es nicht.

Blumenberg sieht eines Tages einen Löwen in seinem Arbeitszimmer, der ihn fortan begleitet. Er macht sich allerlei hochtrabende Gedanken darüber, warum ausgerechnet ihm diese kosmische Ehre zuteil wird: „Ob über ihm als Nachtwächter eine andere Nacht Wache hielt, mit durchdringender Intelligenz begabt, die ihm den Löwen zu Ermunterungszwecken geschickt hatte, vielleicht aber auch, damit endlich klarer, rücksichtsloser, entschiedener geschrieben wurde, damit er Risiken einging und sein Äußerstes zu Papier brachte?“

Weniger prätentiös ist die Sprache selten. Noch ein Beispiel? Ja? Na gut: „Von der Enthärtung der physischen Wirklichkeit bei unverwandt in die Erscheinung hineinblühendem Sein ging etwas zutiefst Beruhigendes aus.“ So eine halbgare Klugscheißerei habe ich zuletzt in einem Soziologie-Seminar gehört, bevor ich mit wehenden Fahnen das Nebenfach wechselte.

Zwei der Kapitel tragen die sprechenden Titel „Kurzes Zwischenstück darüber, wo die Zuständigkeit des Erzählers endet“ und „Weiteres Zwischenstück, in dem der Erzähler die Zeit um ein Jahr voranschiebt“. Zu Beginn des zweiten heißt es: „Anders als versprochen, meldet sich der Erzähler noch einmal zu Wort.“ Falls das ein Kunstgriff sein soll, hat Lewitscharoff ihn geschickt kaschiert. Mir kommt es vor, als würde mich der Chirurg während der Operation aufwecken und fragen, ob er den Blinddarm ganz entfernen soll oder nur halb oder ob ich stattdessen vielleicht eine Frikadelle implantiert bekommen möchte. Mir ist es sehr recht, wenn ein Autor seine Gedanken über die beste Erzählweise mit sich selbst oder seinem Verlag ausmacht, und mir nicht seine unausgegorenen Ideen vor die Füße kippt. Apropos Erzählweise: Wenn die Geschichte auserzählt ist, führt Lewitscharoff einfach eine neue Figur ein und erzählt ab da von der. Ich komme leider nicht umhin, das plump zu finden.

Natürlich habe ich in den letzten zwei Dritteln die ganze Zeit nach einem Hinweis auf Lewitscharoffs Überzeugungen gesucht. Aber so einfach war es nicht. Ich habe stattdessen das Gegenteil gefunden. „Der Tod hat keinen Wert, das Leben allen“, schreibt sie. Stimmt. Als sie die künstliche Befruchtung geißelte, hatte sie das wohl vergessen.

Was jetzt? Momox-Stapel. Auch wenn der Wertverlust wahrscheinlich dramatisch ist.

Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 216 Seiten, Taschenbuch, 8.99 Euro.

Die Schweinerei muss eine andere werden

Im Laufe des Jahres 2013 sind alle Bücher, die ich nicht sonderlich mochte, bei mir rausgeflogen. Das fühlte sich merkwürdig an, denn so ein kleines Buch, es nimmt ja nicht viel Platz weg, kann ich es wirklich einfach alleine in diese wilde Welt hinausschicken? Aber es  führte zu einer hohen Lieblingsbuch-Dichte im Regal. Und dazu, dass ich zum ersten Mal merkte, wie viele ungelesene Bücher darin stehen.

Das einfach zu ignorieren, wäre richtig schlau gewesen. Leider fing ich stattdessen an, sie zu zählen: Es sind 45 Bücher. Fünfundvierzig. FÜNFUNDVIERZIG! In einem inzwischen wirklich einigermaßen schlanken Regal. Die meisten habe ich geschenkt bekommen, bei anderen erinnere ich mich kaum an die Herkunft. Auf viele davon freue ich mich eigentlich schon seit Jahren. Trotzdem kaufe ich immer wieder andere Bücher und lese erst mal die, und dann kommt eine Jane-Austen-Verfilmung im Fernsehen, und dann ist das Licht zu schwach zum Lesen, und im Zug ist es  zu laut, und dann hab ich nicht die richtigen Schuhe dafür an. Ihr kennt das.

Ab jetzt muss die Schweinerei eine andere werden. Guter Vorsatz zum neuen Jahr: Ich werde diese Bücher lesen. Alle! Es sind Bücher von Nobelpreisträgern darunter, junge Literatur, Kitschromane, Klassiker und gewisse Anschaffungen, bei denen ich mich vielleicht etwas übernommen habe (Sartre auf Französisch? War ich bekloppt? Hoffentlich wächst mir das Wörterbuch nicht an der Hand fest.).

Weil dieser gute Vorsatz etwas soziale Kontrolle braucht, blogge ich darüber. Und natürlich, weil ihr auch ungelesene Bücher im Regal habt. Wahrscheinlich überschneiden sie sich sogar mit meinen. Welche ihr ungelesen wegschmeißen könnt, verrate ich hier – vollkommen subjektiv, irrational und emotionsgetrieben.