Kategorie: Leichtes

#32 – Wolf Haas: „Brennerova“

Provenienz: Ich schenkte es meinem Bruder mit der Bitte, es mir zu leihen, wenn er damit durch ist. Es kam ganz zu mir zurück, weil er es nicht ertrug.

Ungelesen seit: zwei Wochen

20141215_215647Dass überhaupt jemand etwas gegen Wolf Haas haben kann, hätte ich gar nicht gedacht. Witzig und schlau zugleich, wer schreibt schon so? Es stellte sich heraus, dass die Sprache nicht für jedermann etwas ist. Mein Bruder konnte sich an den österreichischen Duktus nicht gewöhnen, der unter anderem oftmals das Verb auslässt: „Die griesgrämige Lehrerin ist förmlich aus der Herta entwichen, Dämon nichts dagegen. Und an ihrer Stelle ist da eine gestanden, wo man sagen muss, Russinnen schön und gut, aber die einheimischen Weiber auch nicht zu verachten.“ Da ich den größten Teil meines Lebens in München verbracht habe und eine Leidenschaft für Österreich hege (Berge! Walzer! Mehlspeisen!), fällt mir so etwas nach ein paar Seiten kaum mehr auf. Es bleibt nur ein behagliches Gefühl.

Dabei haben wir es hier natürlich mit einem Krimi zu tun. Allerdings atmen die Krimis von Wolf Haas um den mittlerweile ehemaligen Kommissar Brenner eine angenehme Bräsigkeit. Auch hier kommt selten diese Art Spannung auf, bei der man an seinen Fingerknöcheln nagen möchte. Schon der traditionelle Einstieg „Jetzt ist schon wieder was passiert“ klingt doch, als wuchte sich gerade jemand aus dem Lehnsessel hoch und ziehe erst einmal seine Cordhose zurecht, bevor er dann doch widerwillig die Leiche anschauen geht.

In „Brennerova“ gibt es aber erst mal gar keine Leiche. Sondern eine Russin namens Nadeshda, die dem Brenner anvertraut, dass ihre Schwester von Menschenhändlern verschleppt wurde. Sie bittet ihn um Hilfe, und weil ihre Augen gar so schön sind, macht sich der Brenner auf die Suche. Dabei landet er schnell in einem halbseidenen Milieu, was seine Freundin Herta überhaupt nicht gut findet. Zumal kurz nach Beginn seiner Recherchen zwei Männer mit abgehackten Händen im Krankenhaus landen.

Mit einem dieser Männer freundet der Brenner sich an und landet prompt selbst auf der Fahndungsliste der ehemaligen Kollegen. Und dann geht die Herta auch noch dauernd auf Wanderreisen und neigt dazu, sich dort in Einheimische heftig zu vergucken. Zum Glück ist der Brenner vom Leben schon so abgehärtet, dass ihm diese ganzen Niederungen kaum ein Zucken mit der Augenbraue abnötigen. Das finde ich persönlich großartig, denn ich hasse Bücher, bei dem Menschen immer tiefer in die Katastrophe rutschen und allmählich verzweifeln. Mir ist so ein abgestumpfter, frustrierter alter Typ, der nicht viel zu verlieren und deshalb vor nichts mehr Angst hat, tausendmal lieber. Na ja. Zumindest, wenn die Geschichte drumherum auch noch so komisch ist wie bei Wolf Haas. Ohne das geht’s nicht.

Was jetzt? Mein nächstes Versuchskaninchen für dieses Buch wird ein Herr aus dem hohen Norden. Mal schauen, wie er die fehlenden Verben und halben Sätze verkraftet.

Wolf Haas: „Brennerova“. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 239 Seiten, gebunden, 20 Euro.

#30 – W. Somerset Maugham: „Winter-Kreuzfahrt“

Provenienz: nicht mehr nachvollziehbar

Ungelesen seit: sechs oder sieben Jahren, schätze ich

SomersetDieses Buch wollte ich mir eigentlich schon das ganze Jahr vornehmen. Dachte aber, Winter-Kreuzfahrt, das hebst du dir für den Winter auf, da passt das besser. Das ist gleich auf mehreren Ebenen völliger Unsinn, schließlich kann man auch im Sommer im Winter spielende Bücher lesen. Aber vor allem stellte sich heraus, dass viele Kurzgeschichten in der Gegend um Thailand, Birma, Singapur und Indien spielen. Der Winter im Buch ist also nicht ganz das, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

Von W. Somerset Maugham hatte ich noch nie etwas gelesen. Er selbst fand sich so mittelbegabt, Kritiker lobten vor allem seine Kurzgeschichten. Offenbar habe ich da also gleich die richtige Lektüre erwischt. Die meisten Figuren stammen aus demselben Milieu, sind also mehr oder minder wohlhabende Briten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Italien oder in die Kolonialgebiete reisen. Da sind ein paar ulkige Gestalten dabei, und Maugham zeichnet sie so messerscharf, dass man sie zu kennen glaubt. Manchmal wohlwollend, aber manchmal auch beißend satirisch.

Es gibt beeindruckende Einblicke in das Leben auf einer Gefängnisinsel, die unglückliche Vergangenheit einer Frau, die dem Erzähler zufällig nach Jahren wieder begegnet, und das Schicksal eines Aussteigers, dem das Geld ausgeht. Am besten gefiel mir die Titelgeschichte. Darin begibt sich Miss Reid, die einen Teeladen betreibt, für die Ferien auf einen Dampfer. Von Plymouth geht es bis zu den Westindischen Inseln und wieder retour. Miss Reid stört sich nicht am mangelnden Luxus, mag Bücher und unterhält sich gern: „Sie verstand die Leute auszufragen, und jedes Mal, wenn ein Thema erschöpft schien, hatte sie eine Bemerkung bereit, um es wieder zu beleben, oder ein neues Thema lag ihr schon auf der Zungenspitze, um die Konversation wieder in Gang zu bringen.“

Solcherlei erzählt Maugham ganz charmant über Miss Reid, und erst nach einigen Seiten kam mir der Gedanke: Moment mal, sie klingt echt nervtötend. Prompt dreht die Geschichte und wird so weitererzählt, wie der Kapitän und die Mannschaft ihre Passagierin sehen. Sie treibt alle in den Wahnsinn mit ihrem Geschwätz, und auch wenn die Höflichkeit gebietet, dass sie am Kapitänstisch sitzt, muss der Kapitän seinem Ärger hierüber hin und wieder Luft machen. Dazu singt er Wagner-Arien mit eigenem Text: „Oh, welche Pest ist dieses Weib, ich bringe es um, wenn das so bleibt!“ – auf die Melodie des Liedes vom Abendstern aus Tannhäuser.

Schließlich naht Weihnachten, und die Mannschaft befürchtet, Miss Reid werde allen das Fest verderben. Der Doktor empfiehlt, sie brauche nur einmal einen Liebhaber. Alle drücken sich, bis schließlich die Wahl auf den Funker fällt. Der stellt sich allerdings recht dämlich an.

Wenn wir mal von der wenig erfreulichen, aber damals wohl nicht unüblichen Haltung „Die Frau ist hysterisch und muss nur mal wieder gebumst werden“ absehen, ist diese Geschichte wirklich ein großes Vergnügen. Aber auch alle anderen lohnen die (ohnehin kurze) Aufmerksamkeitsspanne, die man ihnen widmet. Diese ganze koloniale Welt des edlen Reisens hat wirklich Stil, und ähnlich wie in Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ mochte ich, dass sich eigentlich alle, obwohl theoretisch durchaus berufstätig, dem süßen Nichtstun hingeben. Es entspannt mich offenbar, anderen beim Entspannen zuzusehen. Man wird ja bescheiden.

Was jetzt? Ich würde es gern behalten, rechne aber damit, dass sich ein Familienmitglied als Besitzer meldet.

W. Somerset Maugham: „Winter-Kreuzfahrt“. Erzählungen. Diogenes Verlag, Zürich 1972. 167 Seiten, Taschenbuch, 14.90 DM (damals, hach.)

Literarische Urlaubsplanung für Trottel

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Selbst Graffitigeister lachen mich aus.

Mein Urlaub wirft seine Schatten voraus, und ja, ich habe Sartre auf Französisch eingepackt. Das Buch, um das ich mich schon seit etwa sieben Jahren und nun noch vehementer seit Jahresanfang drücke. Es hilft ja nichts.

Aber weil ich ja nicht nur Sartre lesen will, habe ich auch noch zwei Kitschromane auf den Kindle geladen. Eigentlich wollte ich was von Meg Cabot, aber dann verwechselte ich sie mit Susan Elizabeth Phillips. Von ihr lud ich zwei Romane, und es stellten sich zwei erstaunliche Effekte ein: Erstens, die beiden erzählen exakt dieselbe Geschichte (Mauerblümchen verliebt sich in Footballstar und erweicht sein Herz), lediglich ein paar Eckdaten sind ausgetauscht, und HUI, die Bücher strotzen so vor Sexszenen, dass es mir im Zug etwas peinlich war. Zweitens, ihr ahnt es: Ich habe beide bereits ausgelesen. Es war ein bisschen wie bei einem Verkehrsunfall, ich konnte nicht wegsehen. Und meine Trash-Seele ist etwas ausgetrocknet, das wird auch noch andauern, bis „Bauer sucht Frau“ wieder anläuft.

Jedenfalls hält mich jetzt nicht mehr viel von Sartre ab. Wer seine Urlaubslektüre so schlau plant wie ich, hat es ja auch irgendwie verdient, am Ende einen rechteckigen weißen Fleck auf dem Bauch zu haben. An der Stelle, wo das Wörterbuch jeden Tag liegt.

#20 – Wilhelm Genazino: „Tarzan am Main“

Provenienz: kurz nach Erscheinen selbst gekauft

Ungelesen seit: einem Jahr

wpid-14030335440280Da ich seit anderthalb Jahren von München nach Frankfurt pendele, erschien mir dieses Buch als gute Möglichkeit, meine neue Zweitheimat kennenzulernen. Genazino ist nämlich einer meiner liebsten Autoren. Sowohl in „Mittelmäßiges Heimweh“ als auch in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ habe ich mich an seinen herrlich melancholischen Helden geweidet. Der Mann, der im Straßencafé sein Bier hebt und entsetzlich leidet, weil – böse Welt! – der Untersetzer feucht am Glas kleben bleibt, wohnt irgendwie auch in mir. Und in meinem Beuteschema, weshalb ich eine hübsche Ansammlung an vergleichbar marottenreichen Verflossenen vorweisen kann.

Wilhelm Genazino erzählt in „Tarzan  am Main“ unter anderem von seinen Spaziergängen durch die Stadt. Das Spazierengehen gehört zu seinen liebsten Beschäftigungen, wie der begleitenden Berichterstattung zu entnehmen war. Er geht dann auch gern mal in ein Knopfgeschäft und lässt sich zu Knöpfen beraten, ganz ohne einen Knopf zu benötigen. (Womöglich wäre Genazino selbst die Krönung meines Beuteschemas? Aber ach, der Altersunterschied.)

Tatsächlich kommen in diesen kurzen Erzählungen ein paar Straßen vor, die ich mir bei nächster Gelegenheit unbedingt mal anschauen will. Auch seine Beobachtungen über die Zeil, die wirklich erschreckend hässlich ist, haben mich blendend unterhalten. Was ist das eigentlich für eine städtebauliche Idee, die beiden Stellen, an denen die meisten Touristen aufkreuzen, also Hauptbahnhof und Einkaufsstraße, maximal verwahrlosen und hässlich bebauen zu lassen? Man könnte fast meinen, die Frankfurter wollten sämtliche Touristen tagsüber abschrecken, um die Stadt abends wieder für sich allein zu haben.

Aber Genazino erzählt auch gerne von sich selbst. Von seiner Vergangenheit als Redakteur bei der Zeitschrift „pardon“. Von einer längst vergangenen Jugendliebe, die er plötzlich auf dem Markt trifft und nach einigem Nachdenken doch nicht anspricht. Das Beobachten scheint überhaupt sein Hauptmodus zu sein – ideal für einen Schriftsteller. Und ideal für den Leser, denn selbst die trivialsten Geschichten sind fein beobachtet und sprachlich brillant erzählt. Es ist eigentlich völlig egal, worüber Genazino schreibt. Hauptsache, er schreibt! Hier zum Beispiel, über eine Gruppe Feierabendprediger auf der Straße:

„Die Hauptstütze der Gruppe ist eine Frau, die damals, vor dreißig Jahren, ein junges Mädchen war und schon damals das Menschengeschick zum Guten hin wenden wollte. Damals trug sie das Haar offen und sang mit schafsähnlicher Treue von einem besseren Leben. Heute ist die Frau zwischen 60 und 70 Jahre alt, ihr Haar ist grau und am Hinterkopf zu einer runden Glaubenszwiebel zusammengebunden.“

Ist das nicht großartig? Glaubenszwiebel! Und sofort ist klar, wie das aussieht. Hach.

Was jetzt? Das kommt neben meine bisherigen Genazino-Bücher – und neben alle, die ich von ihm noch kaufen und begeistert lesen werde.

Wilhelm Genazino: „Tarzan am Main – Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“. Carl Hanser Verlag, München 2013. 139 Seiten, gebunden, 16.90 Euro.

#18 – Catherine Alliott: „Heiratsfieber“

Provenienz: Tja, wie solche Bücher eben zu einem kommen. Im Zweifelsfall in der Bahnhofshalle gekauft.

Ungelesen seit: Ich dachte, acht Jahren. Aber dann kam alles ganz anders.

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Welches Buch nimmt man mit, wenn man zu einer Beerdigung reist? Wenn man schon freundliche Weisheiten von echten Menschen mittels Lakonie abtropfen lässt und sicher nicht auch noch ein deprimierendes Buch brauchen kann? In dieser Situation entschied ich mich für „Heiratsfieber“ von Catherine Alliott. Und immerhin, deprimiert hat es mich nicht. Die Eckdaten: Die geschiedene Londonerin Annie will einen Arzt heiraten, reist aber vorher über die Sommermonate mit ihrer 12-jährigen Tochter Flora nach Cornwall, um einen Roman zu schreiben. (Die Romanfigur schreibt einen Roman! So meta!) Allerdings haben sich durch ein Versehen auch der Amerikaner Matt und dessen Sohn im selben Haus eingemietet, also muss es geteilt werden. Hier trapst die Nachtigall bereits gewaltig.

Was mir sofort auffiel, waren die unabsichtlichen Widersprüche im Buch. Die Tochter zum Beispiel wird eingeführt, wie sie zu spät in die Küche stürzt, ihre Schulsachen hinter der Tür vom Boden aufklaubt und mit wehenden Haaren zum Schulbus rennt. Wenige Seiten später heißt es, Flora wäre ja so gut organisiert und ordentlich. (Das stimmt immerhin im Gegensatz zu Annie, die – total originell für das Genre – eine liebenswerte Schlunze ist.) Weiterhin heißt es, das Haus in Cornwall habe direkten Zugang zum Meer, aber später liegt es plötzlich ein gutes Stück landeinwärts. Und als Annie erwägt, ein weiteres Kind zu bekommen, freut sich ihre Schwester, dass sie ihr dann endlich mal Ratschläge geben kann – dabei hat Annie doch schon ein Kind.

Mein absolutes Highlight war allerdings der Name von Matts Sohn: Tod. Man sollte meinen, da hätte rechtzeitig jemand eingegriffen und gesagt: ‚In der deutschen Übersetzung nennen wir ihn besser Todd, die Schreibweise kennt man dort, und es hat nicht diese Konnotation von, nun ja, Verwesung.‘ Aber nein. So kommt es zu Perlen wie: „Von Tod keine Spur.“

Das Geschehen plätschert so vor sich hin. Wer einmal einen Frauenroman gelesen hat, kann es sich ungefähr vorstellen – das ist ein bisschen wie bei Western: Kennste einen, kennste alle. Und irgendwann, etwa nach 400 Seiten, fiel es mir auf: Ich hatte dieses Buch schon einmal gelesen. Da kam nämlich eine psychologische Komponente ins Spiel, die in etwa besagt: Der Typ, der richtig für dich war, als es dir schlecht ging, ist nicht unbedingt der richtige, wenn es dir wieder gut geht. Das habe ich mir damals gemerkt, weil es mir plausibel schien. Der Rest des Buches war vollständig aus meiner Erinnerung gelöscht und durch ABBA-Songtexte ersetzt worden. Wie praktisch. Wenn das Buch nicht so voller Schlampereien und sprachlicher Plumpheiten wäre, könnte ich es glatt in acht Jahren nochmal lesen.

Was jetzt? Das Buch kommt weg. Entweder auf das Verschenk-Fensterbrett im Treppenhaus oder gleich in den Papiermüll.

Catherine Alliott: „Heiratsfieber“. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Blanvalet Verlag, München 2006. 544 Seiten, Taschenbuch, vergriffen.

Disclaimer: Ich veröffentliche auch bei Blanvalet. Ich konnte allerdings keinerlei Befangenheit in mir finden. 

#16 – J.R. Moehringer: „Tender Bar“

Provenienz: aus der schönen Sammlung, die mir Kollegen einst schenkten.

Ungelesen seit: ziemlich genau zwei Jahren.

wpid-13992790053890.jpgEs gibt ein paar Bücher, die ich Männern schenke, wenn mir nichts anderes einfällt. „Der König von Mexiko“ von Stefan Wimmer ist so eines. Auch „Man down“ von André Pilz gehört dazu. Jetzt gibt es noch eines: „Tender Bar“ ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich viele Männer sicher wunderbar wiederfinden. Auch mich hat sie prächtig unterhalten.

Der Journalist und Schriftsteller J.R. Moehringer beschreibt das Aufwachsen eines jungen Mannes namens J.R. Moehringer, und es spricht nicht für meinen Geisteszustand, dass mir die Namensgleichheit erst nach etwa der Hälfte der Lektüre aufgefallen ist. Aber egal, denn dass das Buch autobiographisch ist, konnte ich dem Klappentext entnehmen (und mir sogar merken, man stelle sich vor). 1964 wird J.R. geboren und wächst mit seiner Mutter und etlichen weiteren Verwandten im chaotischen, düsteren Haushalt seiner Großeltern nahe New Yorks auf. Sein cholerischer Vater ist nur akustisch präsent: Er moderiert eine Radiosendung, und seit die Eltern sich getrennt haben, sitzt J.R. eben vorm Radio und lauscht der Stimme. Die Mutter arbeitet, zieht mit ihrem Sohn aus, scheitert und zieht zurück zu den Großeltern. Das passiert mehrfach, bis sie den Absprung nach Arizona schafft.

Für J.R. ist dieser Umzug keine reine Freude, denn er hat einen Vaterersatz gefunden: Eine Bar namens Dickens, die später in Publicans umbenannt wird und eine Ansammlung der männlichsten Männer zusammenführt, die sich ein Zwölfjähriger vorstellen kann. Sein Onkel Charlie steht hinterm Tresen, und der Moment, da J.R. endlich volljährig ist und selbst einen Drink bestellen darf, ist für ihn wie für alle Anwesenden ein besonders stolzer.

Das Leben in und mit der Bar ist allerdings das Einzige, was bei J.R. reibungsfrei läuft. Er wird wider Erwarten in Yale angenommen, schlägt sich aber dort mehr schlecht als recht durch und kommt nie recht an. Er ist mit der schönsten aller Kommilitoninnen zusammen, aber sie hintergeht ihn. Und er bekommt den Traumjob, ein Volontariat bei der New York Times, aber das erweist sich als Sackgasse: Die Volontäre dürfen dort nur Sandwiches besorgen und Kopien machen, schließlich dann und wann ein Artikelchen schreiben. Sind sie endlich jemandem aufgefallen, arbeiten sie einen Monat zur Probe als richtige Reporter. Als nächstes setzt sich ein geheimer Ausschuss zusammen, der dann ohne Angabe von Gründen den Daumen hebt oder senkt. Wer durchfällt, kann den Rest seines Lebens als Bürobote dort arbeiten – oder eben gehen. Kurz nach dem Beginn von J.R.s Volontariat beschließen die Redakteure inoffiziell, dass keiner der Volontäre mehr übernommen wird, weil sich das finanziell nicht lohne. Ha. Und ich dachte, in den Achtzigern wäre Journalismus noch ein leichterer Job gewesen als heute.

Zwei Schritte vor, einer zurück: So verläuft das Leben von J.R. Moehringer. Selbst die Bar, die ihm Zuhause und Vater war, fällt am Ende auseinander. Ein melancholischer Ton zieht sich durch den Roman, und das ist großartig: die Verbindung von Alkohol und Melancholie. Sozusagen Buch gewordenes Finnland.

Was jetzt? Das Buch bleibt bei mir und wird sehr lieb gehabt.

J.R. Moehringer: „Tender Bar“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Fischer Verlag, Frankfurt 2007. 762 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#15 – Guy de Maupassant: „Das Haus Tellier“

Provenienz: Ehrlich, ich hab keine Ahnung, wie das in mein Regal gelangt ist. Allerdings steht schon wieder der Name meiner Mutter vorne drin. Hm.

Ungelesen seit: Da würde ich nonchalant auf zehn bis fünfzehn Jahre tippen.

guyDas Buch steht schon so lange unauffällig bei mir rum und duckt sich immer wieder unter meinen Blicken weg. Diesmal habe ich es endlich in die Hand genommen, weil einer der Blogger meines Vertrauens von Guy de Maupassant geschwärmt hat. Außerdem: Französische Halbwelt, 19. Jahrhundert – irgendwie geht das doch immer. Und dann hat der Autor auch noch einen ähnlich fantastischen Vornamen wie Laclos, nämlich Henri-René-Albert-Guy. Das wäre doch mal eine schöne Anregung für diese Muttis, die in Onlineforen nach ungewöhnlichen Babynamen suchen und dann so etwas wie Gedanion erwägen. Aber ich schweife ab.

Maupassant stammte aus einer alten Adelsfamilie, fühlte sich aber thematisch zum einfachen Volk hingezogen. Die titelgebende und zugleich berühmteste Erzählung handelt von einem Etablissement, in dem unten die Matrosen und oben die Honoratioren der Stadt bedient werden. Bei schönem Wetter machen alle Damen gemeinsam einen Ausflug ins Grüne. Sie sind im Ort nicht übermäßig angesehen, aber das ändert sich, als sie aufs Land fahren, um der Kommunion des Neffen der Wirtin beizuwohnen. Dort sind sie die schicken Städterinnen. Ein ganz reizvoller Gegensatz.

Auch die etwas feinere Gesellschaft kommt in dieser Sammlung vor – aber stets hat vor allem das Weibsvolk Dreck am Stecken. Es wirkt beim Lesen nicht einseitig oder gar redundant, aber Maupassant exerziert alle möglichen Situationen durch, wie eine Frau zur Betrügerin werden könnte: um ihrem Mann den ersehnten Orden zu verschaffen, um trotz vier unehelicher Kinder geheiratet zu werden, oder um an Geld zu kommen und dabei denselben Liebhaber wie eh und je zu behalten. Ja, so sind wir, wir zügelloses, schamloses Geschlecht! (Zur akustischen Untermalung geht’s hier.)

Das ist alles ganz zauberhaft, immer mal wieder amüsant und auch zu Herzen gehend. Was mir schrecklich fehlte, war die sprachliche Strahlkraft. Es mag an der Übersetzung gelegen haben – oder daran, dass Maupassant seinen Ausflug in niedere Gefilde mit einer relativ neutralen Sprache ausgleichen wollte. Meinetwegen hätte es jedenfalls deutlich operettenhafter ausfallen können. Aber das geht mir ja eigentlich mit dem ganzen Leben so.

Was jetzt? Es wandert zurück ins mütterliche Regal.

Guy de Maupassant: „Das Haus Tellier“. Erzählungen. Aus dem Französischen von Helmut Bartuschek und Karl Friese. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 1977. Taschenbuch, 328 Seiten, vergriffen.

#14 – Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“

Provenienz: geschenkt bekommen – es ist gerade erst erschienen. Damit ist es streng genommen keines der 45 aus meinem guten Vorsatz (genau wie „Dr. Sex“), aber man sollte ja auch nichts vor sich herschieben, nicht wahr. Vielleicht nehme ich mir dafür die Freiheit, die drei Geschichten von Edgar Wallace in einem Band auszulassen. Es sei denn, mir fällt wieder ein, warum ich die gekauft habe.

Ungelesen seit: zehn Stunden. Und dann sofort ausgelesen.

13963839224760Ildikó von Kürthy gehört zu den Autoren, denen man heute dringend zu einem Pseudonym raten würde. Dass sie keines hat, finde ich hochsympathisch. Außerdem habe ich mal in der „Zeit“ von einem Telefongespräch mit ihr gelesen, während dessen sie gefragt wurde, ob sie eigentlich nicht lieber anspruchsvolle Bücher schreiben würde. Sie antwortete sinngemäß, Walser sei ja auch nicht traurig, dass er keine witzigen Frauenromane schreiben könne. Oder war es Mosebach? Egal, ihr versteht schon. Mir gefällt diese Argumentation ausgesprochen gut, schließlich ziert mein erstes Buch ein rosa Cover, und zum Bachmann-Preis werde ich damit auch nicht eingeladen. Meine Trauer darob hält sich in Grenzen.

Vor der Lektüre war ich also ausgesprochen positiv voreingenommen. In „Sternschanze“ geht es um Nicola, deren Mann Oliver unlängst fett Karriere gemacht hat. Sie selbst hat ihren Job aufgegeben. Jetzt gehören sie zur Hamburger High Society, wo Oliver sich ausgezeichnet macht, Nicola sich aber grässlich unwohl fühlt. Weil er sie vernachlässigt, verknallt sie sich bei einer zufälligen Begegnung in einen alten Bekannten und beginnt eine Affäre. Ein halbes Jahr gibt sie sich Zeit zum Nachdenken, ob ihre Ehe Bestand haben soll.

Weil Nicola aber ein ausgesprochener Pechvogel ist, fliegt sie auf, und zwar in der denkbar unwürdigsten Art und Weise. Die Entscheidung ist ihr damit abgenommen; jetzt muss sie schauen, wie sie ohne das Penthouse und den Gatten klar kommt. Eine kleine Robinsonade also, wobei Nicola nach kurzer Verzweiflung vieles in den Schoß fällt. Etwas realistischer hätte das nach meinem Geschmack durchaus sein können.

Ildikó von Kürthy hat eine ungewöhnliche Erzählweise gewählt: zwei vor, eins zurück. Die Kapitel enden fast alle vor einer spannenden Entwicklung, die dann aber übersprungen wird. Das nächste Kapitel beginnt schon zwei Schritte weiter, greift aber im letzten Drittel noch einmal zurück und erzählt en passant, was passiert ist. Um dann wieder den nächsten Schritt auszulassen. Das klingt kompliziert und macht Menschen, die es linear mögen (zum Beispiel Männer!), wahrscheinlich nach kurzer Zeit wahnsinnig. Aber es führt eben auch dazu, dass man immer weiter lesen will. Sehr clever, wirklich.

Ihren Wortwitz lässt Ildikó von Kürthy hier eher selten aufblitzen. Es gibt ein paar amüsante Anekdoten wie die der Weihnachtsgans, in der die Innereien-Tüte vergessen wurde, aber der Grundton ist eher melancholisch. Nicola schlägt sich nämlich auch noch mit der Sehnsucht nach ihren verstorbenen Eltern, vor allem nach dem Vater, herum. Ein ziemlich großes Päckchen für die Heldin eines Frauenromans. Für Klamauk bleibt da wenig Platz, es ist eher wie Bridget Jones in Moll. Und ja, das ist ein Kompliment.

Was jetzt? Kommt neben Bridget Jones. Zusammen ergeben sie einen schön schrägen Akkord.

Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2014. 346 Seiten, gebunden, 17.95 Euro.

#13 – T.C. Boyle: „Dr. Sex“

Provenienz: Ein mir nahestehender Herr hat es aussortiert, und ich habe zugegriffen.

Ungelesen seit: zwei Wochen

boyleAlfred Kinsey, der große Sexualforscher, ist tot – und sein engster Mitarbeiter John Milk und dessen Frau Iris streiten sich kurz vor der Beerdigung. Das ist der Prolog, und er erfüllt seinen Zweck prima: Es klingt, als hätte Kinsey im Laufe der Zeit einen Keil zwischen die Eheleute getrieben, und ich wollte sofort wissen, wie.

Wir befinden uns im Amerika der Fünfziger Jahre; einer Ära, zu der in den meisten Gehirnen wahrscheinlich sofort das Wort „prüde“ erschallt. Manche schreiben entsetzte Briefe à la „Mein Mann will mich da unten küssen, das ist doch sündig“; andere wiederum leben ein sexuell ausschweifendes Leben – so wie Kinsey selbst. Ein klares Sittengemälde wäre schön gewesen, aber T.C. Boyle bleibt schwammig. Die Aussage lautet also: Manche sind prüde, andere nicht. Man könnte sie zu jedem Zeitpunkt über jede Gesellschaft treffen.

Boyle erzählt die Geschichte aus der Perspektive von John Milk, der einzigen fiktionalen Figur des Kreises um Professor Kinsey. Milk heuert als Student an bei „Prok“, wie der Forscher genannt wird, und beginnt sowohl mit ihm als auch mit seiner Frau Mac ein sexuelles Verhältnis. Parallel verliebt er sich in eine Kommilitonin, die er später heiratet.

Wie man sich vorstellen kann, geht das nicht gut zusammen. Prok verhält sich bei allem Charme und Geistesreichtum fürchterlich dominant und redet seinen Mitarbeitern in die privatesten Angelegenheiten hinein – auch, mit wem sie Sex haben sollten. Iris dagegen ist, obwohl in der Auswahl ihrer Sexualpartner konservativer als alle anderen, der größte Freigeist von ihnen. Sie denkt nicht daran, vor Prok zu kuschen. John Milk ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden starken Persönlichkeiten.

Nebenbei erzählt T.C. Boyle von der Forschungsarbeit des Teams. Hierbei gilt: Die absurdesten Szenen sind historisch belegt. Zum Beispiel die Studie, für die Kinsey tausend Männer beim Onanieren filmte – vor allem um zu klären: Wie viele spritzen, wie viele tröpfeln eher? Ein Projekt nach dem Motto „L’art pour l’art“, scheint mir.

Die Forschung bietet dem Autor natürlich jede Menge spannende Details. Aber, was noch viel besser ist: Die Sprache leuchtet an manchen Stellen förmlich hervor. Boyle formuliert originell und ist ausgezeichnet übersetzt von Dirk van Gunsteren. Über eine Studentin, mit der Milk eine Vorlesung aufsucht, heißt es beispielsweise „[…] ich neben der sich putzenden Laura Feeney“, und ohne genau zu beschreiben, was sie tut, erklärt dieser Satz doch alles. Auch sehr erfreut war ich über die Wortschöpfung „Gerüchteköche“. Leider wurde mein Enthusiasmus kurz darauf vom Wort „Tischtennistisch“ gebremst.

Und das Versprechen des Prologs? So ganz wird es nicht eingelöst. Die Situation zwischen John und Iris ist nämlich deutlich weniger dramatisch, als es eingangs wirkte. Aber hey, besser als umgekehrt.

Was jetzt? Vielleicht stelle ich es neben Bukowski. Den würden die pikanten Details sicher brennend interessieren.

T.C. Boyle: „Dr. Sex“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2005. 472 Seiten, gebunden, 24.90 Euro.

#10 – Richard David Precht: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“

Provenienz: Das habe ich mal zu einer WG-Feier mitgebracht bekommen. Ich glaube, es war unsere Ein-Kleidungsstück-Party. (Nein, es hat sich niemand an das Motto gehalten. An die guten Ideen hält sich ja sowieso nie jemand! Siehe auch „Weltfrieden“.)

Ungelesen seit: Wenn ich richtig liege, seit fünf Jahren.

13938433528500Auf die Gefahr hin, dass der oder die Schenkende von damals das hier liest: Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet dieses Buch bekommen habe. Richard David Precht beschreibt darin seine Kindheit und Jugend in Solingen als Kind von relativ bürgerlichen Kommunisten: Die Eltern glorifizieren die DDR und Summerhill, aber die Kinder sollen trotzdem bitteschön Abitur machen und abends pünktlich ins Bett. Diese Art Revolution.

Ich interessiere mich für nichts davon sonderlich. Interessiert sich überhaupt jemand für Solingen? Nein? Na gut. Es hat jedenfalls durchaus seine Gründe, dass ich das Buch fünf Jahre lang nur bei Umzügen angefasst habe. Und für so wenig Interesse meinerseits hat es mich eigentlich ganz gut unterhalten. Schreiben kann er ja, der Precht. Dass ich jetzt das Gefühl habe, den kompletten Inhalt schon im ersten Absatz wiedergegeben zu haben, spricht allerdings Bände.

Also en detail: Die Familie Precht adoptiert neben drei leiblichen Kindern ein Kind aus Vietnam und ein Kind aus Kambodscha. Sie singt Degenhardt-Lieder am Lagerfeuer mit langhaarigen Freunden. Sie wählt die ideologisch richtigen Kinderbücher aus. Als der kleine Richard mal in die DDR kommt, kennen die Kinder dort alle Lassie und Flipper – aber er selbst darf solche bösen, kapitalistischen US-Serien zu Hause in Solingen nicht gucken. Richard wächst übrigens lange kaum, dann plötzlich sehr groß, aber bei den Mädchen hilft ihm beides nicht. Die Kinder der Familie tragen grauenvolle Klamotten aus der Altkleidersammlung, weil es den Eltern egal ist, ob sie gehänselt werden: Schließlich gibt es so viel Wichtigeres auf der Welt.

Eigentlich hätte Precht bei diesen ganz persönlichen Erzählungen bleiben sollen. Leider hielt er es für nötig, an entsprechender Stelle noch mal die Geschichte der RAF zu referieren und nicht einfach die Auswirkungen auf die Überzeugungen der Eltern zu beschreiben. Das macht das Buch zu einer prima Politik-Lehrstunde für Jugendliche, aber Erwachsene können es großzügig überblättern. Dankbar war ich hingegen für die Informationen über den Vietnam-Krieg, denn der spielt im Bewusstsein meiner Generation eine untergeordnete Rolle. Insgesamt bleibt mir nach dem Buch der Eindruck, den ich weniger plastisch schon zuvor hatte: Der Kommunismus stellt ein großes ästhetisches Problem dar, ist aber eine schöne Idee. Und wie das mit guten Ideen so ist, habe ich ja schon eingangs erklärt.

Was jetzt? Mir ist genau eine Fünfzehnjährige bekannt. Bei nächster Gelegenheit bekommt sie dieses Buch in die Hand gedrückt. Bisschen politische Bildung, the easy way.

Richard David Precht: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution“. List Verlag, Berlin 2007. 351 Seiten, Taschenbuch, 8.95 Euro.