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#35 – Doris Lessing: „Shikasta“

Provenienz: Jemand sortierte es aus, ich schaute empört, führte Doris Lessings Literaturnobelpreis ins Feld und adoptierte es. Fataler Fehler.

Ungelesen seit: etwa drei Jahren

20150110_114245-1Dies ist das erste Buch des Blogprojekts, das ich abgebrochen habe. Weil ich mich kolossal langweilte und mir meine Lebenszeit zu schade war. Fun fact: „Shikasta“ ist nur der erste Band eines fünfteiligen Zyklus. Ein Umstand, den ein mir nahestehender Herr mit den Worten kommentierte: „Poah. Autoren sollten einfach nicht so alt werden.“

Zu diesem Zyklus wurde Lessing nach eigenen Angaben von der islamischen Mystik und der Weltsicht des Sufismus inspiriert, aber das muss man schon wissen, um es zu bemerken. Schließlich gibt es asketisch-spirituelle Anklänge auch in zahlreichen anderen Werken. Leider werde ich nicht mehr erfahren, ob es bei Lessing später deutlicher zutage tritt. Vielleicht geht es ja in den anderen Bänden total rund. Und vielleicht sogar in den dreihundert Seiten dieses Buches, deren Lektüre ich beim besten Willen nicht mehr auf mich nehmen werde. Bisher allerdings ist das alles äußerst verquast. Übrigens habe ich euch den vollständigen Titel bisher vorenthalten, das holen wir gleich mal nach:

Canopus im Argos: Archive
Btr.: Kolonisierter Planet 5

Shikasta

Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Buch von JOHOR (George Sherban)

Abgesandter (Grad 9)
87. Periode der letzten Tage

Man ahnt schon: Science Fiction. Space Fiction gar, wie Lessing das nennt, die sich schon im Vorwort mit der Erzählung einer Anekdote bei mir unbeliebt gemacht hat. Sie beschreibt, wie sie zum Vortrag bei einer Universität geladen war und dort sagte, Space Fiction und Science Fiction bildeten „den originellsten Zweig der heutigen Literatur“, seien „einfallsreich und witzig“ und hätten auf alle möglichen anderen Werke „belebend gewirkt“. Die literarische Welt sei zu tadeln, weil sie das nicht hoch genug schätze. Dass eine Professorin zu widersprechen wagte, quittiert Lessing mit den Worten, jene habe sich „wohl zu lange von Akademiens keuschen Früchten genährt“. Das war mir als Eigenwerbung einfach zu plump. Schade, wenn der Leser die Autorin für arrogant und selbstgerecht hält, ehe er zum eigentlichen Roman kommt.

Tatsächlich bin ich kein großer Science-Fiction-Fan, und damit mir ein Werk aus diesem Genre gefällt, muss es genau das sein, was Lessing beschreibt: witzig oder einfallsreich, und mit einfallsreich meine ich, dass die Welt, die darin erschaffen wurde, eine innere Logik besitzt. Leider habe ich genau das bei Lessing schmerzlich vermisst. Es geht um den Planeten Shikasta, der unter dem Protektorat des Verbundes Canopus steht (und der Erde übrigens frappierend ähnelt). Canopus möchte die Entwicklung der menschenähnlichen Lebewesen beschleunigen und siedelt deshalb Riesen an, die die Menschen unterstützen. Doch dann kommt der Planet wegen kosmischer Umwälzungen aus dem Gleichgewicht. Außerdem greift ein Schurkenplanet an und zieht Energie ab. Deshalb werden Gesandte beauftragt, dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht in die Barbarei abgleiten.

Wenn ihr euch jetzt mal das Gegenteil dieser stringenten Zusammenfassung vorstellt, seid ihr recht nah dran am Schreibstil. Noch mehr störte mich allerdings die Beliebigkeit der Lösung von Problemen. Der Gesandte Johor etwa landet einmal am falschen Ort und bräuchte mehrere Wochen für die Reise. Aber hey, wir sind hier schließlich in einer selbst ausgedachten Welt, und da kann man doch einfach eine Disneyprinzessinnen-Szene draus machen: „Ich näherte mich einer Herde von Pferden, die an einem Berghang weideten, stellte mich vor sie hin und schaute sie konzentriert, in einer wortlosen Bitte um Hilfe an. Sie waren unruhig und verwirrt, aber dann kam eines der Tiere herüber, blieb wartend vor mir stehen, und ich saß auf. Ich lenkte es, und wir galoppierten nach Süden.“ Tja, okay, aber wie lange kann so ein Shikasta-Pferd wohl durchhalten? Auch dafür hat Lessing eine Lösung: „Da sah ich in der Nähe eine zweite Herde und ließ mich dorthin tragen. Ich stieg ab. Mein Reittier erklärte einem starken und kraftvollen Tier der zweiten Herde die Lage. Es kam heran und blieb stehen, ich stieg auf, und wir ritten los. Dies wiederholte sich mehrere Male.“

Wir fassen zusammen: Die Pferde auf dem erdähnlichen Planeten Shikasta, von denen zuvor übrigens überhaupt keine Rede war, können nur einen Tag laufen, aber die Gedanken von Menschen verstehen und anderen Pferden erklären. Weil es jetzt eben für die Geschichte gerade mal nötig ist.

Entschuldigt mich. Ich glaube, mir läuft gerade etwas flüssiges Hirn aus dem Ohr.

Was jetzt? Mit „Shikasta“ bin ich durch. Vielleicht versuche ich es mal mit etwas anderem von Doris Lessing. „Das goldene Notizbuch“ soll gut sein. Aber heute nicht mehr. Und morgen nicht gleich.

Doris Lessing: „Shikasta“. Roman. Aus dem Englischen von Helga Pfetsch. Goldmann Verlag, München 2001. 540 Seiten, Taschenbuch, 11 Euro.

#34 – Gernhardt, Eilert, Knorr: „Erna, der Baum nadelt!“

Provenienz: aus dem tollen Buchpaket zu meinem Dreißigsten

Ungelesen seit: zweieinhalb Jahren

wpid-20141224_090700-1.jpgIch hatte ja keine Ahnung, was ich da in die Hand nehme. Robert Gernhardt geht bei mir immer, und die weihnachtliche Anmutung barg eine gewisse Dringlichkeit, das nun nicht bis in den Sommer hinein liegen zu lassen. Es zeigte sich: „Ein botanisches Drama am Heiligen Abend“ ist schnell gelesen. Zumindest beim ersten Mal.

Wie der Titel verheißt, geht es um einen plötzlich nadelnden Christbaum. Der steht bei der Familie von Erna und Schorsch Breitlinger, die anfangs entsetzt sind und Nachbarn zu Hilfe rufen. Alle anderen sind auch entsetzt, so dass die Breitlingers schließlich eher stolz sind auf dieses Phänomen und der Presse gern für ein Foto zur Verfügung stehen. Bis das frohe Ereignis nach einer Weile so schnell zu Ende ist, wie es begonnen hat.

Das Ganze ist geschrieben wie ein Theaterstück, und, jetzt kommt’s: in Mundart. Ursprünglich auf Hessisch, was übrigens einer der am leichtesten zu erlernenden Dialekte ist, weil man einfach nur die Zunge loggä lasse muss. Wer sich noch gut an die letzte Betäubung beim Zahnarzt erinnern kann, parliert fließend Hessisch. Aber es gibt da noch ein paar andere hübsche Dialekte. Salzburgerisch etwa, Sächsisch, Schwäbisch – die Übersetzungen in all jene und viele mehr sind dem Hessischen angehängt, und die Riege der Verfasser kommt mit Harry Rowohlt und Otto Waalkes recht illuster daher.

Die ganze Bräsigkeit der Familie Breitlinger und die Bauernschläue, mit der sie schließlich durch den nadelnden Baum berühmt werden möchte, wirken erst im Dialekt richtig authentisch. „Kinner, was e Uffreschung!“ Gleichzeitig hat das Stück in jedem Dialekt eine andere Atmosphäre, weswegen auch nicht langweilig wird, was bei uns an Weihnachten passierte: Nach einer Lesung auf Kölsch folgten die Vorträge auf Bayerisch und Hessisch, und nur die Gans hielt uns davon ab, auch noch den Hamburger Zungenschlag zu würdigen, in der der Baum selbstverständlich nicht nadelt, sondern am Nadeln ist. Dieses enorme Repertoire an Dialekten ist übrigens nur einer von vielen Vorzügen einer umfangreichen Patchworkfamilie.

Solltet ihr also etwas langweilige Feiertage verbracht haben, bei denen euer Vater wieder Geschichten von früher erzählt hat und eure Mutter nur davon redete, dass ihr die Gans diesmal aber wirklich zu trocken geraten sei: Kauft dieses Buch fürs nächste Jahr. Es ist die reinste Stimmungskanone.

Was jetzt? Nächstes Jahr bringe ich das wieder mit. Wir haben ja noch Hamburg vor uns. Und meine Brüder dürfen nur noch Frauen anschleifen, die neue Dialekte mit einbringen.

Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Peter Knorr: „Erna, der Baum nadelt!“ Mit Illustrationen von Volker Kriegel. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2010. 103 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#33 – Charles Dickens: „Weihnachtsgeschichten“

Provenienz: Das lässt sich dank der Widmung ausnahmsweise sehr genau sagen: Meine Mutter bekam es zum zehnten Geburtstag von ihrem jüngsten Onkel geschenkt.

Ungelesen seit: In meinem Regal steht es nun wahrscheinlich auch schon seit zwanzig Jahren.

wpid-14193387794430.jpgSo sträflich, wie ich dieses Buch vernachlässigt habe, kann ich froh sein, dass mir kein Geist zum Behufe der Bekehrung erschienen ist. Natürlich kennen wir alle die klassische Weihnachtsgeschichte von Dickens um den geizigen und garstigen Ebenezer Scrooge, aber ich könnte nicht beschwören, sie gelesen zu haben. Gleichzeitig hat sie mich leider sogar ein bisschen gelangweilt, weil ich eben schon alles wusste. Noch mal in aller Kürze: Dem alten Scrooge erscheint zuerst der Geist der vergangenen Weihnacht und nimmt ihn mit in seine einsame Kindheit, was ihm aus unerfindlichen Gründen sofort das Herz erweicht. Dann der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, dank dem er hören kann, wie jene über ihn reden, deren freundliche Einladungen er ausgeschlagen hat. Und, fast noch wichtiger: Was er bei ihren schönen Feiern verpasst. Der Geist der zukünftigen Weihnacht schließlich führt ihm vor, wie er gestorben ist und niemand um ihn trauert. Natürlich macht Scrooge daraufhin eine Kehrtwende und ist fürderhin ein liebevoller Onkel und freundlicher Mensch. Na ja.

Erstaunlicherweise haben mir die anderen beiden Geschichten im Buch besser gefallen. Bei „Das Heimchen am Herd“ habe ich immerhin mal gelernt, woher dieser Ausdruck kommt: Man stellte Heimchen, also diese kleinen Grillen, in einem Käfig neben den Herd. Sie zirpten, wenn man den Ofen anheizte, und mehr und lauter, je heißer es wurde. Ein früher Feuermelder also. Und in Sachen Tierhaltung auch nicht so viel schlechter, als an eine Echse verfüttert zu werden, wie es den meisten heutzutage verkauften Grillen blüht.

Dieses Heimchen jedenfalls erfreut Dot, die junge Ehefrau des Fuhrmanns. Die beiden leben ein glückliches Leben, bis, ja, bis der Fuhrmann sich plötzlich mit einem verkleideten Mann und einer vermeintlichen Untreue seiner Frau konfrontiert sieht. Aber natürlich sind alle reinen Herzens und gute Menschen – bis auf den alten Spielzeugfabrikanten, den es zum Schluss recht hart trifft. Da hatte Dickens wohl keine Zeit mehr für Reue und Umkehr. Überhaupt sind die Grenzen zwischen Gut und Böse klar gezogen: Die einfachen Leute sind gut, die Reichen böse.

Das ist besonders eindrucksvoll in der dritten Geschichte abgebildet. „Silvesterglocken“ handelt von Toby, der sein Geld mit Botengängen und anderen kleinen Aufträgen verdient, und seiner Tochter Meg. Die Sprache ist generell wunderschön in dieser eulenalten Übersetzung, doch hier fällt mein Lieblingssatz, als der alte Mann sich vor der Kirche unterstellt: „Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger, steinzehiger und zähneklappernder Warteplatz zur Winterszeit, wie Toby Veck wohl wußte.“ Zuerst trifft Toby auf den Friedensrichter, der ihn der hanebüchensten Dinge beschuldigt. Toby nehme etwa den Witwen und Waisen etwas weg, indem er Kuttelflecke äße. Darum wird ihm der letzte Bissen seines Mahls weggenommen. Das ist eine schrecklich demütigende Szene. Als nächstes begegnet Toby einem anderen reichen Mann, der groß davon spricht, wie er ihm helfen wolle: mit klugen Ratschlägen, und dafür erwarte er nur Undank, denn schließlich seien arme Menschen immer nur undankbar! Toby steht da, ist gezwungen, sich eine Unverschämtheit nach der anderen anzuhören, und bewahrt Haltung wie ein Boxer. Ab da geht es sogar noch bergab. Doch am Ende kommt alles in Ordnung. Schließlich ist Weihnachten!

Apropos: Frohe Weihnachten auch euch. Und, um es mit Dickens zu sagen: „Möge dann jedes Jahr glücklicher werden als das vorige!“

Was jetzt? Das Buch bringe ich an Weihnachten meiner Mutter mit.

Charles Dickens: „Weihnachtsgeschichten“. Erzählungen. Eduard Kaiser Verlag, 254 Seiten, vergriffen.
Die Geschichten stehen auch beim Projekt Gutenberg.

#32 – Wolf Haas: „Brennerova“

Provenienz: Ich schenkte es meinem Bruder mit der Bitte, es mir zu leihen, wenn er damit durch ist. Es kam ganz zu mir zurück, weil er es nicht ertrug.

Ungelesen seit: zwei Wochen

20141215_215647Dass überhaupt jemand etwas gegen Wolf Haas haben kann, hätte ich gar nicht gedacht. Witzig und schlau zugleich, wer schreibt schon so? Es stellte sich heraus, dass die Sprache nicht für jedermann etwas ist. Mein Bruder konnte sich an den österreichischen Duktus nicht gewöhnen, der unter anderem oftmals das Verb auslässt: „Die griesgrämige Lehrerin ist förmlich aus der Herta entwichen, Dämon nichts dagegen. Und an ihrer Stelle ist da eine gestanden, wo man sagen muss, Russinnen schön und gut, aber die einheimischen Weiber auch nicht zu verachten.“ Da ich den größten Teil meines Lebens in München verbracht habe und eine Leidenschaft für Österreich hege (Berge! Walzer! Mehlspeisen!), fällt mir so etwas nach ein paar Seiten kaum mehr auf. Es bleibt nur ein behagliches Gefühl.

Dabei haben wir es hier natürlich mit einem Krimi zu tun. Allerdings atmen die Krimis von Wolf Haas um den mittlerweile ehemaligen Kommissar Brenner eine angenehme Bräsigkeit. Auch hier kommt selten diese Art Spannung auf, bei der man an seinen Fingerknöcheln nagen möchte. Schon der traditionelle Einstieg „Jetzt ist schon wieder was passiert“ klingt doch, als wuchte sich gerade jemand aus dem Lehnsessel hoch und ziehe erst einmal seine Cordhose zurecht, bevor er dann doch widerwillig die Leiche anschauen geht.

In „Brennerova“ gibt es aber erst mal gar keine Leiche. Sondern eine Russin namens Nadeshda, die dem Brenner anvertraut, dass ihre Schwester von Menschenhändlern verschleppt wurde. Sie bittet ihn um Hilfe, und weil ihre Augen gar so schön sind, macht sich der Brenner auf die Suche. Dabei landet er schnell in einem halbseidenen Milieu, was seine Freundin Herta überhaupt nicht gut findet. Zumal kurz nach Beginn seiner Recherchen zwei Männer mit abgehackten Händen im Krankenhaus landen.

Mit einem dieser Männer freundet der Brenner sich an und landet prompt selbst auf der Fahndungsliste der ehemaligen Kollegen. Und dann geht die Herta auch noch dauernd auf Wanderreisen und neigt dazu, sich dort in Einheimische heftig zu vergucken. Zum Glück ist der Brenner vom Leben schon so abgehärtet, dass ihm diese ganzen Niederungen kaum ein Zucken mit der Augenbraue abnötigen. Das finde ich persönlich großartig, denn ich hasse Bücher, bei dem Menschen immer tiefer in die Katastrophe rutschen und allmählich verzweifeln. Mir ist so ein abgestumpfter, frustrierter alter Typ, der nicht viel zu verlieren und deshalb vor nichts mehr Angst hat, tausendmal lieber. Na ja. Zumindest, wenn die Geschichte drumherum auch noch so komisch ist wie bei Wolf Haas. Ohne das geht’s nicht.

Was jetzt? Mein nächstes Versuchskaninchen für dieses Buch wird ein Herr aus dem hohen Norden. Mal schauen, wie er die fehlenden Verben und halben Sätze verkraftet.

Wolf Haas: „Brennerova“. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 239 Seiten, gebunden, 20 Euro.

#31 – Imre Kertész: „Detektivgeschichte“

Provenienz: adoptiert, weil vom Mann aussortiert

Ungelesen seit: etwa einem halben Jahr

imreDen „Roman eines Schicksallosen“ müsse ich unbedingt lesen, sagte mir vor vielen Jahren der großartige Kulturchef der Abendzeitung. Das genügte mir vollauf, um diesen meinen ersten Kertész zu kaufen und zu lesen. Es geht darin um einen Fünfzehnjährigen, der während des Zweiten Weltkriegs deportiert wird. Die Grausamkeiten schreien einem beim Lesen entgegen, aber der Junge reagiert mit großem Verständnis und rechtfertigt immer, warum sie nun schon wieder drangsaliert werden. Als wäre die Ungerechtigkeit sonst einfach zu groß, um sie zu ertragen. Es ist ein fantastisches Buch, und es hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.

Deshalb konnte ich es nicht mitansehen, wie die „Detektivgeschichte“ aus dem Regal flog. Erneut geht es um das Leben in einer Diktatur, aber diesmal befindet sich der Erzähler auf der Seite der Überwacher und Verfolger. Kertész wollte dieses Thema unbedingt aufgreifen, aber das war in Ungarn 1977 nicht ganz einfach. Es gab nur staatliche Buchverlage, und die Regierung hätte sich durchaus gemeint fühlen können. Deshalb verlegte Kertész die Handlung seines kurzen Romans in ein imaginäres Land in Südafrika. Das reichte offensichtlich aus, um die Zensoren zu befrieden.

Antonio Martens hat beim Geheimdienst angeheuert, weil ihm das von der Kripo aus als Karriereschritt erschien. Jetzt ist er in einem Team mit einem eiskalten Chef und einem bösartigen, sadistischen Kollegen. Bald haben die drei den Sohn eines schwerreichen Kaufhausbesitzers im Visier, der etwas gegen das Regime unternehmen will. Allerdings will keiner aus der Studentenbewegung etwas mit ihm zu tun haben. Sein Vater hingegen gibt sich ihm schließlich als Widerständler zu erkennen und setzt ihn als Kurier ein. Der Geheimdienst kommt dahinter und verhaftet und foltert beide. Soweit die Fakten.

Aber es ist nicht genau so, wie es aussieht. Der Vater hat sein ganz eigenes Ding gedreht, und Unschuldige müssen sterben, um die Behörde nicht in Misskredit zu bringen. Später wird Antonio Martens vor Gericht gestellt und erzählt vom Vorgehen des Geheimdienstes mit zusätzlichen Informationen aus dem Tagebuch des Sohnes, das er sich unter den Nagel gerissen hat. Er wirkt dabei abgestumpft, mit ganz wenigen Ausnahmen. Da ist sie wieder, diese neutrale Erzählweise von Kertész, die einen fertig machen kann. Fertig, wütend, entsetzt – und absolut fasziniert.

Was jetzt? Das behalte ich. Es wird nicht mein letztes Buch von ihm gewesen sein.

Imre Kertész: „Detektivgeschichte“. Roman. Aus dem Ungarischen von Angelika und Peter Máté. Rowohlt Verlag, Hamburg 2004. 138 Seiten, gebunden, 12.90 Euro.

#30 – W. Somerset Maugham: „Winter-Kreuzfahrt“

Provenienz: nicht mehr nachvollziehbar

Ungelesen seit: sechs oder sieben Jahren, schätze ich

SomersetDieses Buch wollte ich mir eigentlich schon das ganze Jahr vornehmen. Dachte aber, Winter-Kreuzfahrt, das hebst du dir für den Winter auf, da passt das besser. Das ist gleich auf mehreren Ebenen völliger Unsinn, schließlich kann man auch im Sommer im Winter spielende Bücher lesen. Aber vor allem stellte sich heraus, dass viele Kurzgeschichten in der Gegend um Thailand, Birma, Singapur und Indien spielen. Der Winter im Buch ist also nicht ganz das, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

Von W. Somerset Maugham hatte ich noch nie etwas gelesen. Er selbst fand sich so mittelbegabt, Kritiker lobten vor allem seine Kurzgeschichten. Offenbar habe ich da also gleich die richtige Lektüre erwischt. Die meisten Figuren stammen aus demselben Milieu, sind also mehr oder minder wohlhabende Briten, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Italien oder in die Kolonialgebiete reisen. Da sind ein paar ulkige Gestalten dabei, und Maugham zeichnet sie so messerscharf, dass man sie zu kennen glaubt. Manchmal wohlwollend, aber manchmal auch beißend satirisch.

Es gibt beeindruckende Einblicke in das Leben auf einer Gefängnisinsel, die unglückliche Vergangenheit einer Frau, die dem Erzähler zufällig nach Jahren wieder begegnet, und das Schicksal eines Aussteigers, dem das Geld ausgeht. Am besten gefiel mir die Titelgeschichte. Darin begibt sich Miss Reid, die einen Teeladen betreibt, für die Ferien auf einen Dampfer. Von Plymouth geht es bis zu den Westindischen Inseln und wieder retour. Miss Reid stört sich nicht am mangelnden Luxus, mag Bücher und unterhält sich gern: „Sie verstand die Leute auszufragen, und jedes Mal, wenn ein Thema erschöpft schien, hatte sie eine Bemerkung bereit, um es wieder zu beleben, oder ein neues Thema lag ihr schon auf der Zungenspitze, um die Konversation wieder in Gang zu bringen.“

Solcherlei erzählt Maugham ganz charmant über Miss Reid, und erst nach einigen Seiten kam mir der Gedanke: Moment mal, sie klingt echt nervtötend. Prompt dreht die Geschichte und wird so weitererzählt, wie der Kapitän und die Mannschaft ihre Passagierin sehen. Sie treibt alle in den Wahnsinn mit ihrem Geschwätz, und auch wenn die Höflichkeit gebietet, dass sie am Kapitänstisch sitzt, muss der Kapitän seinem Ärger hierüber hin und wieder Luft machen. Dazu singt er Wagner-Arien mit eigenem Text: „Oh, welche Pest ist dieses Weib, ich bringe es um, wenn das so bleibt!“ – auf die Melodie des Liedes vom Abendstern aus Tannhäuser.

Schließlich naht Weihnachten, und die Mannschaft befürchtet, Miss Reid werde allen das Fest verderben. Der Doktor empfiehlt, sie brauche nur einmal einen Liebhaber. Alle drücken sich, bis schließlich die Wahl auf den Funker fällt. Der stellt sich allerdings recht dämlich an.

Wenn wir mal von der wenig erfreulichen, aber damals wohl nicht unüblichen Haltung „Die Frau ist hysterisch und muss nur mal wieder gebumst werden“ absehen, ist diese Geschichte wirklich ein großes Vergnügen. Aber auch alle anderen lohnen die (ohnehin kurze) Aufmerksamkeitsspanne, die man ihnen widmet. Diese ganze koloniale Welt des edlen Reisens hat wirklich Stil, und ähnlich wie in Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ mochte ich, dass sich eigentlich alle, obwohl theoretisch durchaus berufstätig, dem süßen Nichtstun hingeben. Es entspannt mich offenbar, anderen beim Entspannen zuzusehen. Man wird ja bescheiden.

Was jetzt? Ich würde es gern behalten, rechne aber damit, dass sich ein Familienmitglied als Besitzer meldet.

W. Somerset Maugham: „Winter-Kreuzfahrt“. Erzählungen. Diogenes Verlag, Zürich 1972. 167 Seiten, Taschenbuch, 14.90 DM (damals, hach.)

#29 – Tobie Nathan: „Verliebt machen. Warum Liebe kein Zufall ist“

Provenienz: für die Recherche zu einem Artikel bestellt

Ungelesen seit: zwei Tagen

20141114_141754Wir haben es hier mit einem schönen Beispiel von strikt auf den Markt ausgerichteter Verkaufe zu tun. Zusätzlich zum Titel und Untertitel findet sich daher noch der Blurp aus L’Express auf dem Cover, in dem von Strategien die Rede ist. Man glaubt eine Auflistung von Tricks in der Hand zu halten, mit der man praktisch jedermanns Herz erobern kann. Aber so ist es nun wirklich nicht.

Tobie Nathan stammt aus Ägypten, lebt seit Jahrzehnten in Frankreich und ist dort einer der großen Intellektuellen. Psychologe, Ethnologe, und dann schreibt er auch noch Bücher und war als Kulturattaché in Israel und Guinea. Der gibt keine Tipps à la „Tragen Sie doch mal die Haare offen“. Nathan erzählt aus seiner Praxis im psychotherapeutischen Zentrum für Migranten, dessen Mitbegründer er ist. Dort hat er es immer wieder mit Menschen aus Kulturen zu tun, die ganz selbstverständlich daran glauben, dass Liebe erzeugbar ist. In Haiti können das Voodoo-Priester, und in Nordafrika gibt es den Geist Zar, der Menschen überwältigt und in einen Liebeswahn versetzt.

Nathans Patienten kennen einen solchen Liebeswahn. Ein Mann findet in seiner Sockenschublade ein kultisches Objekt, das seine Freundin dort versteckt hat, um Macht über ihn auszuüben. Eine Frau erliegt in Peru einer unvernünftigen Liebe, aus der sie nur ein Zaubertrank rettet. Eine andere schickt dem Mann, der sie verlassen hat, eine seltsame Konstruktion, woraufhin er krank wird. Schön schräg, das alles? Ja.

Nebenbei fächert Nathan bekannte und weniger bekannte Beispiele aus Mythologie und Literatur für den Liebeswahn auf. Wie König David, der sich in Batseba, die Frau seines Soldaten, verliebt. Und Tristan und Isolde, die versehentlich gemeinsam einen Liebestrank schlürfen und nicht mehr voneinander loskommen.

Mein letzter unglücklicher Liebeswahn ist erfreulich lange her, aber ich glaube, dieses Buch wäre damals perfekt für mich gewesen. Sonst fühlt es sich ja immer so an, als renne man gerade alleine in sein Unglück: Nur diese Liebe ist so groß, deshalb muss ich so leiden! Dabei leiden andere auch, und die Liebe stellt sich im Nachhinein manchmal als Strohfeuer heraus. „Wenn es weh tut, ist es keine Liebe“, sagte eine Freundin meiner Mutter oft. Ein Satz zum Merken.

Und die Tricks? Was ist mit den Tricks? Tja, die kommen ganz am Schluss, ein paar zumindest: Tobie Nathan glaubt tatsächlich, dass es hilft, die Geister anzurufen. Am besten dort, wo Menschen Bindungen eingehen: in der Kirche, in der Synagoge, im Standesamt. Außerdem möge man den anderen in suboptimaler Verfassung erwischen. Traurig könne er etwa sein oder sehr müde. Ich weiß noch nicht so recht, was ich von diesen Empfehlungen halten soll. Sicher ist: Die Traurigen und Müden dieser Welt fand ich noch nie besonders anziehend.

Was jetzt? Ich kenne da jemanden, der ist gerade in genau der richtigen Verfassung für dieses Buch.

Tobie Nathan: „Verliebt machen. Warum Liebe kein Zufall ist“. Aus dem Französischen von Christiane Landgrebe. Berlin Verlag, Berlin 2014. 239 Seiten, gebunden, 19.99 Euro.

#28 – Hannah Wakefield: „Die Anwältin“

Provenienz: Keinen Schimmer.

Ungelesen seit: Schon immer, irgendwie. Steht gefühlt mein halbes Leben im Regal rum.

20141102_110031Nichts an diesem Buch sagte mir irgendwas. Weder der Name der Autorin (gemeinsames Pseudonym zweier Amerikanerinnen), noch der Titel, der mich seltsam an John Grisham erinnerte. Und: Kriminalroman. Ich interessiere mich nicht für Kriminalromane, schon gar nicht für solche mit merkwürdigen Neunziger-Jahre-Illustrationen auf dem Cover. Aus zwei Gründen klappte ich „Die Anwältin“ schließlich doch auf: Der eine ist dieses Blogprojekt, der andere ein Blurp hintendrauf. Die „Volksstimme“ urteilt da: „[…] durchweg sehr weiblich geschrieben.“

Holla! Sehr weiblich, und das durchweg! Wie mag das wohl sein, so ein weiblich geschriebenes Buch? Werden überdurchschnittlich viele runde Buchstaben benutzt? Heißt die Protagonistin Barbie? Sagen immer alle „Süße“ zueinander und gehen gemeinsam aufs Klo? Na gut, halten wir uns mit dieser albernen Zuschreibung nicht weiter auf. Ich wollte einfach wissen, was die „Volksstimme“ gemeint haben könnte.

Auffällig sind tatsächlich die vielen weiblichen Figuren im Buch. Die titelgebende Londoner Anwältin heißt Dee und recherchiert in einem Mordfall, um ihre Mandantin frei zu bekommen. Ihre Kanzlei besteht aus vier Partnerinnen, auch sonst hat sie fast nur mit Anwältinnen zu tun. Ihre Verbindung in die Pathologie ist eine Frau, und auch beim Friedenscamp neben einer Militärbasis, wo Teile der Handlung spielen, leben und protestieren nur Frauen. Das mutet heute ungewöhnlich an, und ich mag mir gar nicht ausmalen, wie ausgeflippt es vor einem Vierteljahrhundert gewirkt haben muss.

Dee ist frisch getrennt, seit der Abschiedsnummer schwanger und ratlos, was nun zu tun sei. Also stürzt sie sich in die Arbeit. Der Kriminalfall selbst ist aber eigentlich völlig uninteressant. Er hat einen politischen Anstrich: Vielleicht hat er mit dem Friedenscamp zu tun, vielleicht mit dem Nordirland-Konflikt, aber vielleicht auch nichts von alldem. Dee begibt sich natürlich in unglaublich gefährliche Situationen, wie Protagonistinnen in Kriminalromanen das eben so zu tun pflegen, aber eigentlich kann man es wirklich kaum guten Gewissens als spannend bezeichnen. Ganz gern gelesen habe ich das dennoch. Die vielen Frauen in strategisch günstigen Positionen haben mir jedenfalls gefallen.

Was jetzt? Mir gefällt der Gedanke, dass ich es irgendwann meiner (noch zu bekommenden) Tochter hinlege und sie sagt: „Ja und? Da sind doch genau so viele Frauen in wichtigen Jobs wie im echten Leben!“ Tja. Aber das kommt mir so unrealistisch vor, dass es sich wahrscheinlich nicht lohnt, das Buch deswegen zu behalten.

Hannah Wakefield: „Die Anwältin“. Kriminalroman. Aus dem Amerikanischen von Christa Seibicke. Dtv, München, 1993. 248 Seiten, Taschenbuch, 12.80 DM (steht da!).

#27 – Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“

Provenienz: geschenkt bekommen

Ungelesen seit: zweieinhalb Jahren

Etwa vor zwei Jahren saß ich im Kino, und es kam der Trailer zum Film „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“, der übrigens heute Abend um 20.15 Uhr auf ProSieben läuft. Alles wirkte wie von Disney gemalt, und mein Begleiter schüttelte erbost den Kopf und sagte, dieses Kitschfestival werde dem Roman nun wirklich nicht gerecht.

Ich sagte „Aha“ wie Pu der Bär, wenn er etwas nicht verstanden hat, denn ich kannte das Buch überhaupt nicht. Es hat 2002 den Booker Prize gewonnen, das hatte ich entweder nicht mitbekommen oder den Titel vergessen. Wochen später bemerkte ich, dass es in meinem Bücherregal stand. Und da blieb es auch erst mal stehen.

20141102_105921Jetzt konnte ich der Empörung meines Begleiters endlich nachspüren. Es war aber eine zähe Angelegenheit: An diesem Buch habe ich fast zwei Monate lang herumgelesen. Erst kam mir eine Reisereportage dazwischen, dann die nächste, dann die Buchmesse. Dass ich trotzdem immer wieder Lust hatte, es in die Hand zu nehmen und neu einzusteigen, spricht für Yann Martel.

Der Roman hat drei Ebenen. Die offensichtlichste erzählt vom jungen Pi aus dem indischen Pondicherry, dessen Vater Zoodirektor ist. Die Familie beschließt, nach Kanada auszuwandern, und nimmt einige der Tiere mit, weil sie in Übersee Käufer gefunden haben. Doch der Frachter geht unter, Pi landet alleine auf einem Rettungsboot. Zumindest denkt er das. Bei genauerer Betrachtung ist bereits eine Tüpfelhyäne an Bord, ein Zebra landet nach einem verzweifelten Sprung von der Reling verletzt im Boot, ein Orang-Utan steigt zu, und einen Tiger rettet Pi aus dem Wasser. Fortan lautet die Frage eigentlich: Wer frisst wen zuerst?

Ich verrate wohl kaum zu viel, wenn ich sage: Pi und der Tiger bleiben übrig. Im Trailer des Films wirkte es, als entwickelte sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn. Pi dressiert den Tiger, was funktioniert, solange der den besten Platz im Boot behalten darf, und der Tiger ist auf ihn angewiesen, weil Pi Fische für ihn fängt. Umgekehrt fühlt sich der Junge für die Raubkatze verantwortlich, was ihn am Leben hält. Es entwickelt sich eine Pattsituation. Das Leben an Bord ist hart, obwohl das Boot mit Notreserven und Gerätschaften zur Trinkwassergewinnung ausgerüstet ist. Hier habe ich allerdings einen einzigen kleinen Kritikpunkt: Es gibt Wasserdosen an Bord, Pi sammelt Regenwasser, und die Geräte produzieren bei Sonnenschein etwa sechs Liter Wasser am Tag. Das sollte für Pi und den Tiger doch einigermaßen reichen. Trotzdem verdurstet er fast.

Der zweiten Ebene widmet sich vor allem der Einstieg. Pi hat ein besonderes Verhältnis zur Religion: Als Hindu wurde er geboren, später lässt er sich zusätzlich taufen und tritt zum Islam über. Aber nicht etwa nacheinander, nein, er praktiziert all diese Religionen parallel mit großer Ernsthaftigkeit und Frömmigkeit. Dieser Aspekt tritt während des Dümpelns im Pazifik etwas in den Hintergrund. Natürlich betet Pi auch dort zu Gott, aber ich möchte den Schiffbrüchigen sehen, der das nicht tut. Später wird seine Religiosität wieder aufgegriffen – mit der dritten Ebene als Vehikel.

Die dritte Ebene tritt ganz zum Schluss aus der Kulisse. Der gerettete Pi erzählt von den Tieren im Boot, aber man glaubt ihm nicht so recht. Denn der Tiger hat sich sofort aus dem Staub gemacht, als das Boot einen Strand erreichte. Da erzählt Pi eine andere Geschichte, und dazu kann ich nun wirklich nichts verraten, außer: Alleine für diese Pointe lohnt sich das ganze Buch. Das ist ganz großartig.

Schließlich wird Pi gefragt, welche Geschichte denn nun wahr sei. Man einigt sich darauf, dass die mit den Tieren besser sei, auch wenn man die Wahrheit nicht kennen könne. Deshalb wolle man lieber diese glauben. Und hier kommen wir zurück zur zweiten Ebene: Denn so, sagt Pi, sei es ja auch mit der Religion.

Wir haben es also mit einem großen Gleichnis zu tun, einer Veranschaulichung der Kraft von Metaphern. Das klingt jetzt viel verkopfter, als es sich liest. Aber wenn ein spannendes Buch schon mal so viel Hintersinn aufweist, darf man ihn nicht unter den Tisch kehren.

Was jetzt? Das bleibt bei mir. Wird sehr liebgehabt und niemals verliehen.

Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 528 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#24 – Jean-Paul Sartre: „La nausée“

Provenienz: Ich kehrte von zwei Monaten Frankreich zurück und überlegte, welches Buch ich nun auf Französisch lesen könnte, um mir die Sprache präsent zu halten. Jemand riet mir zu „La nausée“. Ich habe seltsame Freunde.

Ungelesen seit: 2007

wpid-2014-08-24-15.40.01.jpg.jpegMit den ganz wichtigen und bedeutsamen Werken ist es ja immer so eine Sache. Manche habe ich vorher gefürchtet und dann geliebt. Und bei anderen dachte ich: Das war’s jetzt? Darum machen alle so einen Bohei?

Bei „La nausée“ (der deutsche Titel „Der Ekel“ ist irritierend unzutreffend) trat keine dieser beiden Reaktionen ein. Es war viel schlimmer: Ich war von den ersten Seiten an genervt. Der Erzähler ist Historiker, recherchiert in Bibliotheken herum, fühlt sich aber eigentlich der ganzen Sache nicht recht gewachsen. Ihm fehlt die Neigung seiner Berufskollegen, aus einer einzigen Handlung auf die ganze Geschichte zu schließen. Darum fügt sich das Bild über den Diplomaten Rollebon nicht recht zusammen. Das ist aber gar nicht das Hauptproblem, sondern: Da ist plötzlich dieses merkwürdige Gefühl, das er vielen Dingen und Menschen gegenüber empfindet. „Ça s’est installé sournoisement, peu à peu ; je me suis senti un peu bizarre, un peu gêné, voilà tout.“ („Es fing unbemerkt an, ganz allmählich; ich fühlte mich etwas seltsam, etwas unbehaglich, das war schon alles.“)

Ab diesem Punkt ergeht der Erzähler sich in Betrachtungen. Und die sind wunderbar geschrieben: Vom Verhalten der Herren, die im Café Karten spielen, über das Aussehen des Wirtes, bis zum Klang der Musik, die er dort hört. Außerdem hat „La nausée“ recht witzige Momente. Als der weitgereiste Erzähler nämlich erklärt, er sei ein hervorragender Erzähler von Anekdoten: „Pour l’anecdote je ne crains personne, sauf les officiers de mer et les professionnels“ – „Bei Anekdoten fürchte ich niemanden, außer Marineoffizieren und Prostituierten“.

Was mich aber unglaublich gestört hat, war die wehleidige Haltung des Erzählers. Ich weiß schon, Hauptwerk des Existenzialismus und alles, aber trotzdem wollte ich ihm dauernd einen Kakao reichen und ihn zum Jammern vor die Tür schicken. Das hat mich selbst überrascht, denn ich mag die etwas wehleidigen Erzähler ja eigentlich, siehe Genazino. Aber mir hat bei Sartre die Selbstironie gefehlt, und ja, es ist durchaus möglich, dass dieses Buch vor Selbstironie strotzt und ich es nicht gerafft habe, weil mein Französisch nicht perfekt ist. Aber ich glaube es eher nicht. Die Ironie, die sich auf die Beobachteten bezieht, habe ich nämlich durchaus mitbekommen. Davon gibt es reichlich, das ist auch durchaus amüsant.

Jedenfalls führt die neue, distanzierte Betrachtungsweise der Welt dazu, dass der Erzähler den Sinn der Existenz anzuzweifeln beginnt. Diese eine Wurzel da im Park, warum genau gibt es die? Könnte es sie nicht auch nicht geben? Warum ist sie diese und nicht eine andere? Ich erinnere mich, mir solche Fragen auch mal gestellt zu haben. Da war ich in der Pubertät und wahrscheinlich selbst ziemlich wehleidig. Also bin ich vielleicht mit der Lektüre einfach nur etwas zu spät dran, in meinem hohen Alter.

Was jetzt? Die Vernunft sagt: Schmeiß weg. Die Eitelkeit sagt: Stell’s ins Regal.
Mal sehen, wer gewinnt.

Jean-Paul Sartre: „La nausée“. Roman. Editions Gallimard, 2007. 250 Seiten, Taschenbuch, 8.80 Euro.