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#28 – Hannah Wakefield: „Die Anwältin“

Provenienz: Keinen Schimmer.

Ungelesen seit: Schon immer, irgendwie. Steht gefühlt mein halbes Leben im Regal rum.

20141102_110031Nichts an diesem Buch sagte mir irgendwas. Weder der Name der Autorin (gemeinsames Pseudonym zweier Amerikanerinnen), noch der Titel, der mich seltsam an John Grisham erinnerte. Und: Kriminalroman. Ich interessiere mich nicht für Kriminalromane, schon gar nicht für solche mit merkwürdigen Neunziger-Jahre-Illustrationen auf dem Cover. Aus zwei Gründen klappte ich „Die Anwältin“ schließlich doch auf: Der eine ist dieses Blogprojekt, der andere ein Blurp hintendrauf. Die „Volksstimme“ urteilt da: „[…] durchweg sehr weiblich geschrieben.“

Holla! Sehr weiblich, und das durchweg! Wie mag das wohl sein, so ein weiblich geschriebenes Buch? Werden überdurchschnittlich viele runde Buchstaben benutzt? Heißt die Protagonistin Barbie? Sagen immer alle „Süße“ zueinander und gehen gemeinsam aufs Klo? Na gut, halten wir uns mit dieser albernen Zuschreibung nicht weiter auf. Ich wollte einfach wissen, was die „Volksstimme“ gemeint haben könnte.

Auffällig sind tatsächlich die vielen weiblichen Figuren im Buch. Die titelgebende Londoner Anwältin heißt Dee und recherchiert in einem Mordfall, um ihre Mandantin frei zu bekommen. Ihre Kanzlei besteht aus vier Partnerinnen, auch sonst hat sie fast nur mit Anwältinnen zu tun. Ihre Verbindung in die Pathologie ist eine Frau, und auch beim Friedenscamp neben einer Militärbasis, wo Teile der Handlung spielen, leben und protestieren nur Frauen. Das mutet heute ungewöhnlich an, und ich mag mir gar nicht ausmalen, wie ausgeflippt es vor einem Vierteljahrhundert gewirkt haben muss.

Dee ist frisch getrennt, seit der Abschiedsnummer schwanger und ratlos, was nun zu tun sei. Also stürzt sie sich in die Arbeit. Der Kriminalfall selbst ist aber eigentlich völlig uninteressant. Er hat einen politischen Anstrich: Vielleicht hat er mit dem Friedenscamp zu tun, vielleicht mit dem Nordirland-Konflikt, aber vielleicht auch nichts von alldem. Dee begibt sich natürlich in unglaublich gefährliche Situationen, wie Protagonistinnen in Kriminalromanen das eben so zu tun pflegen, aber eigentlich kann man es wirklich kaum guten Gewissens als spannend bezeichnen. Ganz gern gelesen habe ich das dennoch. Die vielen Frauen in strategisch günstigen Positionen haben mir jedenfalls gefallen.

Was jetzt? Mir gefällt der Gedanke, dass ich es irgendwann meiner (noch zu bekommenden) Tochter hinlege und sie sagt: „Ja und? Da sind doch genau so viele Frauen in wichtigen Jobs wie im echten Leben!“ Tja. Aber das kommt mir so unrealistisch vor, dass es sich wahrscheinlich nicht lohnt, das Buch deswegen zu behalten.

Hannah Wakefield: „Die Anwältin“. Kriminalroman. Aus dem Amerikanischen von Christa Seibicke. Dtv, München, 1993. 248 Seiten, Taschenbuch, 12.80 DM (steht da!).

#27 – Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“

Provenienz: geschenkt bekommen

Ungelesen seit: zweieinhalb Jahren

Etwa vor zwei Jahren saß ich im Kino, und es kam der Trailer zum Film „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“, der übrigens heute Abend um 20.15 Uhr auf ProSieben läuft. Alles wirkte wie von Disney gemalt, und mein Begleiter schüttelte erbost den Kopf und sagte, dieses Kitschfestival werde dem Roman nun wirklich nicht gerecht.

Ich sagte „Aha“ wie Pu der Bär, wenn er etwas nicht verstanden hat, denn ich kannte das Buch überhaupt nicht. Es hat 2002 den Booker Prize gewonnen, das hatte ich entweder nicht mitbekommen oder den Titel vergessen. Wochen später bemerkte ich, dass es in meinem Bücherregal stand. Und da blieb es auch erst mal stehen.

20141102_105921Jetzt konnte ich der Empörung meines Begleiters endlich nachspüren. Es war aber eine zähe Angelegenheit: An diesem Buch habe ich fast zwei Monate lang herumgelesen. Erst kam mir eine Reisereportage dazwischen, dann die nächste, dann die Buchmesse. Dass ich trotzdem immer wieder Lust hatte, es in die Hand zu nehmen und neu einzusteigen, spricht für Yann Martel.

Der Roman hat drei Ebenen. Die offensichtlichste erzählt vom jungen Pi aus dem indischen Pondicherry, dessen Vater Zoodirektor ist. Die Familie beschließt, nach Kanada auszuwandern, und nimmt einige der Tiere mit, weil sie in Übersee Käufer gefunden haben. Doch der Frachter geht unter, Pi landet alleine auf einem Rettungsboot. Zumindest denkt er das. Bei genauerer Betrachtung ist bereits eine Tüpfelhyäne an Bord, ein Zebra landet nach einem verzweifelten Sprung von der Reling verletzt im Boot, ein Orang-Utan steigt zu, und einen Tiger rettet Pi aus dem Wasser. Fortan lautet die Frage eigentlich: Wer frisst wen zuerst?

Ich verrate wohl kaum zu viel, wenn ich sage: Pi und der Tiger bleiben übrig. Im Trailer des Films wirkte es, als entwickelte sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn. Pi dressiert den Tiger, was funktioniert, solange der den besten Platz im Boot behalten darf, und der Tiger ist auf ihn angewiesen, weil Pi Fische für ihn fängt. Umgekehrt fühlt sich der Junge für die Raubkatze verantwortlich, was ihn am Leben hält. Es entwickelt sich eine Pattsituation. Das Leben an Bord ist hart, obwohl das Boot mit Notreserven und Gerätschaften zur Trinkwassergewinnung ausgerüstet ist. Hier habe ich allerdings einen einzigen kleinen Kritikpunkt: Es gibt Wasserdosen an Bord, Pi sammelt Regenwasser, und die Geräte produzieren bei Sonnenschein etwa sechs Liter Wasser am Tag. Das sollte für Pi und den Tiger doch einigermaßen reichen. Trotzdem verdurstet er fast.

Der zweiten Ebene widmet sich vor allem der Einstieg. Pi hat ein besonderes Verhältnis zur Religion: Als Hindu wurde er geboren, später lässt er sich zusätzlich taufen und tritt zum Islam über. Aber nicht etwa nacheinander, nein, er praktiziert all diese Religionen parallel mit großer Ernsthaftigkeit und Frömmigkeit. Dieser Aspekt tritt während des Dümpelns im Pazifik etwas in den Hintergrund. Natürlich betet Pi auch dort zu Gott, aber ich möchte den Schiffbrüchigen sehen, der das nicht tut. Später wird seine Religiosität wieder aufgegriffen – mit der dritten Ebene als Vehikel.

Die dritte Ebene tritt ganz zum Schluss aus der Kulisse. Der gerettete Pi erzählt von den Tieren im Boot, aber man glaubt ihm nicht so recht. Denn der Tiger hat sich sofort aus dem Staub gemacht, als das Boot einen Strand erreichte. Da erzählt Pi eine andere Geschichte, und dazu kann ich nun wirklich nichts verraten, außer: Alleine für diese Pointe lohnt sich das ganze Buch. Das ist ganz großartig.

Schließlich wird Pi gefragt, welche Geschichte denn nun wahr sei. Man einigt sich darauf, dass die mit den Tieren besser sei, auch wenn man die Wahrheit nicht kennen könne. Deshalb wolle man lieber diese glauben. Und hier kommen wir zurück zur zweiten Ebene: Denn so, sagt Pi, sei es ja auch mit der Religion.

Wir haben es also mit einem großen Gleichnis zu tun, einer Veranschaulichung der Kraft von Metaphern. Das klingt jetzt viel verkopfter, als es sich liest. Aber wenn ein spannendes Buch schon mal so viel Hintersinn aufweist, darf man ihn nicht unter den Tisch kehren.

Was jetzt? Das bleibt bei mir. Wird sehr liebgehabt und niemals verliehen.

Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 528 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#24 – Jean-Paul Sartre: „La nausée“

Provenienz: Ich kehrte von zwei Monaten Frankreich zurück und überlegte, welches Buch ich nun auf Französisch lesen könnte, um mir die Sprache präsent zu halten. Jemand riet mir zu „La nausée“. Ich habe seltsame Freunde.

Ungelesen seit: 2007

wpid-2014-08-24-15.40.01.jpg.jpegMit den ganz wichtigen und bedeutsamen Werken ist es ja immer so eine Sache. Manche habe ich vorher gefürchtet und dann geliebt. Und bei anderen dachte ich: Das war’s jetzt? Darum machen alle so einen Bohei?

Bei „La nausée“ (der deutsche Titel „Der Ekel“ ist irritierend unzutreffend) trat keine dieser beiden Reaktionen ein. Es war viel schlimmer: Ich war von den ersten Seiten an genervt. Der Erzähler ist Historiker, recherchiert in Bibliotheken herum, fühlt sich aber eigentlich der ganzen Sache nicht recht gewachsen. Ihm fehlt die Neigung seiner Berufskollegen, aus einer einzigen Handlung auf die ganze Geschichte zu schließen. Darum fügt sich das Bild über den Diplomaten Rollebon nicht recht zusammen. Das ist aber gar nicht das Hauptproblem, sondern: Da ist plötzlich dieses merkwürdige Gefühl, das er vielen Dingen und Menschen gegenüber empfindet. „Ça s’est installé sournoisement, peu à peu ; je me suis senti un peu bizarre, un peu gêné, voilà tout.“ („Es fing unbemerkt an, ganz allmählich; ich fühlte mich etwas seltsam, etwas unbehaglich, das war schon alles.“)

Ab diesem Punkt ergeht der Erzähler sich in Betrachtungen. Und die sind wunderbar geschrieben: Vom Verhalten der Herren, die im Café Karten spielen, über das Aussehen des Wirtes, bis zum Klang der Musik, die er dort hört. Außerdem hat „La nausée“ recht witzige Momente. Als der weitgereiste Erzähler nämlich erklärt, er sei ein hervorragender Erzähler von Anekdoten: „Pour l’anecdote je ne crains personne, sauf les officiers de mer et les professionnels“ – „Bei Anekdoten fürchte ich niemanden, außer Marineoffizieren und Prostituierten“.

Was mich aber unglaublich gestört hat, war die wehleidige Haltung des Erzählers. Ich weiß schon, Hauptwerk des Existenzialismus und alles, aber trotzdem wollte ich ihm dauernd einen Kakao reichen und ihn zum Jammern vor die Tür schicken. Das hat mich selbst überrascht, denn ich mag die etwas wehleidigen Erzähler ja eigentlich, siehe Genazino. Aber mir hat bei Sartre die Selbstironie gefehlt, und ja, es ist durchaus möglich, dass dieses Buch vor Selbstironie strotzt und ich es nicht gerafft habe, weil mein Französisch nicht perfekt ist. Aber ich glaube es eher nicht. Die Ironie, die sich auf die Beobachteten bezieht, habe ich nämlich durchaus mitbekommen. Davon gibt es reichlich, das ist auch durchaus amüsant.

Jedenfalls führt die neue, distanzierte Betrachtungsweise der Welt dazu, dass der Erzähler den Sinn der Existenz anzuzweifeln beginnt. Diese eine Wurzel da im Park, warum genau gibt es die? Könnte es sie nicht auch nicht geben? Warum ist sie diese und nicht eine andere? Ich erinnere mich, mir solche Fragen auch mal gestellt zu haben. Da war ich in der Pubertät und wahrscheinlich selbst ziemlich wehleidig. Also bin ich vielleicht mit der Lektüre einfach nur etwas zu spät dran, in meinem hohen Alter.

Was jetzt? Die Vernunft sagt: Schmeiß weg. Die Eitelkeit sagt: Stell’s ins Regal.
Mal sehen, wer gewinnt.

Jean-Paul Sartre: „La nausée“. Roman. Editions Gallimard, 2007. 250 Seiten, Taschenbuch, 8.80 Euro.

 

#23 – Pia Ziefle: „Suna“

Provenienz: Es stand im Regal der Ferienwohnung in Frankreich. Ich stand davor. So fanden wir zusammen.

Ungelesen seit: Nanosekunden

wpid-14077759583822.jpgNein, dieses Buch stand eigentlich nicht auf meiner Leseliste. Ich folge Pia Ziefle auf Twitter, und das schon eine ganze Zeit mit einigem Vergnügen. Dort habe ich von ihrem Buch erfahren, mir aber die Anschaffung verboten, bis ich alle anderen meines Stapels gelesen habe. Tjaha! Und kaum bin ich in Frankreich, sehe ich es im Regal stehen. Es folgte mir willig in die Hängematte, wo ich es innerhalb von zwei Tagen inhalierte. Und das, obwohl wir zu zehnt da waren.

„Suna“ ist stark autobiographisch geprägt. Es handelt von einer jungen Mutter, die ihr selten schlafendes Baby nächtelang durchs Haus trägt und ihm dabei ihre Familiengeschichte erzählt – und damit auch die des Babys. Das füllt einige Nächte, denn die Geschichte ist lang und verworren. Ziefle nimmt die einzelnen Fäden am Anfang auf und lässt sie dann aufeinander zulaufen. So trifft irgendwann eine Serbin im Zug auf zwei Türken, verliebt sich in einen von ihnen, das Drama nimmt seinen Lauf – und zumindest mir war an dem Punkt noch nicht klar, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis sie zu der Erzählerin stehen. Ich konnte nicht so konzentriert lesen wie sonst, daran mag es liegen. Doch die Geschichten sind auch ohne den konkreten Zusammenhang lesenswert.

Das liegt auch daran, dass Pia Ziefle wertfrei schreibt. Die Dinge sind, wie sie sind: die Liebe, die Trennungen, die Kinder, um die sich keiner so richtig kümmern kann. Meist ist daran niemand schuld, im Gegenteil. Keiner kann sich anders verhalten, als er es tut. Diese Erzählweise trägt eine Melancholie in sich, die aufgefangen wird durch den wunderschönen Grundton des Buches. Es ist nämlich so, dass die Erzählerin als Kind von einer deutschen Familie adoptiert wurde und den Kontakt zu ihren internationalen Wurzeln nicht halten konnte. Durch ihr Baby ist ihr allerdings klar geworden, dass sie ihr fehlen. Sie sucht und findet sie, und dann geht sie ihnen auch noch nach: Sie wird in die Türkei reisen und dort ihre ganze große Familie treffen, die wegen eines sprachlichen Missverständnisses dachte, sie sei nicht mehr am Leben.

Das hat mich wirklich berührt. So sehr, dass ich stundenlang knatschig war, weil ich Schwierigkeiten hatte, wieder in der Realität zu landen. So ist das eben manchmal, wenn ein Buch einen packt und mitnimmt.

Was jetzt? Das Buch steht wieder in diesem französischen Bücherregal. Manchmal muss man eine Urlaubsliebe eben zurücklassen.

Pia Ziefle: „Suna“. Roman. Ullstein, Berlin 2012. 304 Seiten, gebunden, 18 Euro.

#22 – Christopher Kloeble: „Meistens alles sehr schnell“

Provenienz: Ich habe seine ersten beiden Bücher in der Abendzeitung gelobt und bekam daraufhin dieses geschickt. Kam aber nie dazu, es zu lesen.

Ungelesen seit: 2012

kloebleMeine Güte, kann der Mann schreiben. Jedenfalls ist es mir wirklich rätselhaft, warum er nicht sehr viel bekannter ist. Er wagt sich an besondere Perspektiven und Themen, sein erstes Buch schrieb er aus der Sicht einer Mutter mittleren Alters – und zwar überzeugend. Das muss man hervorheben in dieser jungen Schriftstellerkohorte, die bevorzugt von ihrem eigenen Bauchnabel berichtet und deren Bücher dann mit „Porträt einer Generation“ beworben werden. Eine Formulierung, die ich noch mehr hasse als Brokkoli.

In „Meistens alles sehr schnell“ ist der Ich-Erzähler nicht sonderlich originell, aber dafür seine Umgebung. Albert hat gerade sein Abitur in einem von Nonnen geführten Waisenheim gemacht. Sein Vater Fred ist auf dem geistigen Niveau eines Kindes und kann sich nicht um ihn kümmern, aber sie pflegen trotzdem einen freundschaftlichen Kontakt. Das Verantwortungsgefüge freilich ist nahezu komplett umgedreht im Gegensatz zu üblichen Vater-Sohn-Beziehungen.

Fred ist krank, schwer krank: Er wird bald sterben. Und Albert möchte, vielleicht aus Angst vor Einsamkeit oder im Wissen um eine sich schließende Informationsquelle, nun endlich erfahren, wer seine Mutter ist. Rothaarig muss sie sein, woher sonst sollte Albert seinen knallroten Schopf haben? Allerdings kennt er keine rothaarige Frau im Umfeld seines Vaters. Er verdächtigt die Nachbarin, die bereits ergraut ist, aber das stellt sich als Irrtum heraus. Und aus Fred sind keine konkreten Antworten herauszukriegen.

Nebenbei wird in Rückblenden die spannende Geschichte einer Familie in einem abgeschiedenen bayerischen Ort namens Segendorf erzählt. Inzest ist dort nichts Ungewöhnliches, aber geächtet, und es gibt eine perfide Tradition, die an Janne Tellers berühmtes Jugendbuch „Nichts“ erinnert: Jeder Segendorfer muss einmal im Jahr seinen liebsten Besitz opfern. Alle diese Dinge werden gemeinsam auf einem Haufen verbrannt. Es ist eine düstere Welt, und wie eng sie mit Alberts Geschichte zusammenhängt, erfährt der Leser erst spät.

In Freds Vergangenheit gibt es eine Heldentat, die ebenfalls am Rande zur Auflösung gehört: Er hat ein Baby vor einem herannahenden Bus gerettet, als er wie jeden Tag an der Haltestelle grüne Fahrzeuge zählte. Und dann hat er noch Geheimnisse in der Kanalisation seines Heimatortes. All diese lose wirkenden Stränge und Details webt Kloeble am Ende wieder zusammen.

Warum ich das so gern gelesen habe? Darauf gibt es mehr als eine Antwort. Weil es spannend ist. Weil Kloeble ein Händchen für Figurenzeichnung hat. Weil ich die Auflösung gelegentlich wittern konnte, aber am Ende doch nicht ganz richtig lag. Weil es angenehm schlicht und stilsicher geschrieben ist. Ach, lest es doch einfach selbst!

Was jetzt? Das bleibt bei mir. Ich freue mich auf sein nächstes Buch.

Christopher Kloeble: „Meistens alles sehr schnell“. Roman. dtv premium, München 2012. 375 Seiten, Softcover, 14.90 Euro.

#18 – Catherine Alliott: „Heiratsfieber“

Provenienz: Tja, wie solche Bücher eben zu einem kommen. Im Zweifelsfall in der Bahnhofshalle gekauft.

Ungelesen seit: Ich dachte, acht Jahren. Aber dann kam alles ganz anders.

cover

Welches Buch nimmt man mit, wenn man zu einer Beerdigung reist? Wenn man schon freundliche Weisheiten von echten Menschen mittels Lakonie abtropfen lässt und sicher nicht auch noch ein deprimierendes Buch brauchen kann? In dieser Situation entschied ich mich für „Heiratsfieber“ von Catherine Alliott. Und immerhin, deprimiert hat es mich nicht. Die Eckdaten: Die geschiedene Londonerin Annie will einen Arzt heiraten, reist aber vorher über die Sommermonate mit ihrer 12-jährigen Tochter Flora nach Cornwall, um einen Roman zu schreiben. (Die Romanfigur schreibt einen Roman! So meta!) Allerdings haben sich durch ein Versehen auch der Amerikaner Matt und dessen Sohn im selben Haus eingemietet, also muss es geteilt werden. Hier trapst die Nachtigall bereits gewaltig.

Was mir sofort auffiel, waren die unabsichtlichen Widersprüche im Buch. Die Tochter zum Beispiel wird eingeführt, wie sie zu spät in die Küche stürzt, ihre Schulsachen hinter der Tür vom Boden aufklaubt und mit wehenden Haaren zum Schulbus rennt. Wenige Seiten später heißt es, Flora wäre ja so gut organisiert und ordentlich. (Das stimmt immerhin im Gegensatz zu Annie, die – total originell für das Genre – eine liebenswerte Schlunze ist.) Weiterhin heißt es, das Haus in Cornwall habe direkten Zugang zum Meer, aber später liegt es plötzlich ein gutes Stück landeinwärts. Und als Annie erwägt, ein weiteres Kind zu bekommen, freut sich ihre Schwester, dass sie ihr dann endlich mal Ratschläge geben kann – dabei hat Annie doch schon ein Kind.

Mein absolutes Highlight war allerdings der Name von Matts Sohn: Tod. Man sollte meinen, da hätte rechtzeitig jemand eingegriffen und gesagt: ‚In der deutschen Übersetzung nennen wir ihn besser Todd, die Schreibweise kennt man dort, und es hat nicht diese Konnotation von, nun ja, Verwesung.‘ Aber nein. So kommt es zu Perlen wie: „Von Tod keine Spur.“

Das Geschehen plätschert so vor sich hin. Wer einmal einen Frauenroman gelesen hat, kann es sich ungefähr vorstellen – das ist ein bisschen wie bei Western: Kennste einen, kennste alle. Und irgendwann, etwa nach 400 Seiten, fiel es mir auf: Ich hatte dieses Buch schon einmal gelesen. Da kam nämlich eine psychologische Komponente ins Spiel, die in etwa besagt: Der Typ, der richtig für dich war, als es dir schlecht ging, ist nicht unbedingt der richtige, wenn es dir wieder gut geht. Das habe ich mir damals gemerkt, weil es mir plausibel schien. Der Rest des Buches war vollständig aus meiner Erinnerung gelöscht und durch ABBA-Songtexte ersetzt worden. Wie praktisch. Wenn das Buch nicht so voller Schlampereien und sprachlicher Plumpheiten wäre, könnte ich es glatt in acht Jahren nochmal lesen.

Was jetzt? Das Buch kommt weg. Entweder auf das Verschenk-Fensterbrett im Treppenhaus oder gleich in den Papiermüll.

Catherine Alliott: „Heiratsfieber“. Roman. Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Blanvalet Verlag, München 2006. 544 Seiten, Taschenbuch, vergriffen.

Disclaimer: Ich veröffentliche auch bei Blanvalet. Ich konnte allerdings keinerlei Befangenheit in mir finden. 

#16 – J.R. Moehringer: „Tender Bar“

Provenienz: aus der schönen Sammlung, die mir Kollegen einst schenkten.

Ungelesen seit: ziemlich genau zwei Jahren.

wpid-13992790053890.jpgEs gibt ein paar Bücher, die ich Männern schenke, wenn mir nichts anderes einfällt. „Der König von Mexiko“ von Stefan Wimmer ist so eines. Auch „Man down“ von André Pilz gehört dazu. Jetzt gibt es noch eines: „Tender Bar“ ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich viele Männer sicher wunderbar wiederfinden. Auch mich hat sie prächtig unterhalten.

Der Journalist und Schriftsteller J.R. Moehringer beschreibt das Aufwachsen eines jungen Mannes namens J.R. Moehringer, und es spricht nicht für meinen Geisteszustand, dass mir die Namensgleichheit erst nach etwa der Hälfte der Lektüre aufgefallen ist. Aber egal, denn dass das Buch autobiographisch ist, konnte ich dem Klappentext entnehmen (und mir sogar merken, man stelle sich vor). 1964 wird J.R. geboren und wächst mit seiner Mutter und etlichen weiteren Verwandten im chaotischen, düsteren Haushalt seiner Großeltern nahe New Yorks auf. Sein cholerischer Vater ist nur akustisch präsent: Er moderiert eine Radiosendung, und seit die Eltern sich getrennt haben, sitzt J.R. eben vorm Radio und lauscht der Stimme. Die Mutter arbeitet, zieht mit ihrem Sohn aus, scheitert und zieht zurück zu den Großeltern. Das passiert mehrfach, bis sie den Absprung nach Arizona schafft.

Für J.R. ist dieser Umzug keine reine Freude, denn er hat einen Vaterersatz gefunden: Eine Bar namens Dickens, die später in Publicans umbenannt wird und eine Ansammlung der männlichsten Männer zusammenführt, die sich ein Zwölfjähriger vorstellen kann. Sein Onkel Charlie steht hinterm Tresen, und der Moment, da J.R. endlich volljährig ist und selbst einen Drink bestellen darf, ist für ihn wie für alle Anwesenden ein besonders stolzer.

Das Leben in und mit der Bar ist allerdings das Einzige, was bei J.R. reibungsfrei läuft. Er wird wider Erwarten in Yale angenommen, schlägt sich aber dort mehr schlecht als recht durch und kommt nie recht an. Er ist mit der schönsten aller Kommilitoninnen zusammen, aber sie hintergeht ihn. Und er bekommt den Traumjob, ein Volontariat bei der New York Times, aber das erweist sich als Sackgasse: Die Volontäre dürfen dort nur Sandwiches besorgen und Kopien machen, schließlich dann und wann ein Artikelchen schreiben. Sind sie endlich jemandem aufgefallen, arbeiten sie einen Monat zur Probe als richtige Reporter. Als nächstes setzt sich ein geheimer Ausschuss zusammen, der dann ohne Angabe von Gründen den Daumen hebt oder senkt. Wer durchfällt, kann den Rest seines Lebens als Bürobote dort arbeiten – oder eben gehen. Kurz nach dem Beginn von J.R.s Volontariat beschließen die Redakteure inoffiziell, dass keiner der Volontäre mehr übernommen wird, weil sich das finanziell nicht lohne. Ha. Und ich dachte, in den Achtzigern wäre Journalismus noch ein leichterer Job gewesen als heute.

Zwei Schritte vor, einer zurück: So verläuft das Leben von J.R. Moehringer. Selbst die Bar, die ihm Zuhause und Vater war, fällt am Ende auseinander. Ein melancholischer Ton zieht sich durch den Roman, und das ist großartig: die Verbindung von Alkohol und Melancholie. Sozusagen Buch gewordenes Finnland.

Was jetzt? Das Buch bleibt bei mir und wird sehr lieb gehabt.

J.R. Moehringer: „Tender Bar“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Fischer Verlag, Frankfurt 2007. 762 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#14 – Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“

Provenienz: geschenkt bekommen – es ist gerade erst erschienen. Damit ist es streng genommen keines der 45 aus meinem guten Vorsatz (genau wie „Dr. Sex“), aber man sollte ja auch nichts vor sich herschieben, nicht wahr. Vielleicht nehme ich mir dafür die Freiheit, die drei Geschichten von Edgar Wallace in einem Band auszulassen. Es sei denn, mir fällt wieder ein, warum ich die gekauft habe.

Ungelesen seit: zehn Stunden. Und dann sofort ausgelesen.

13963839224760Ildikó von Kürthy gehört zu den Autoren, denen man heute dringend zu einem Pseudonym raten würde. Dass sie keines hat, finde ich hochsympathisch. Außerdem habe ich mal in der „Zeit“ von einem Telefongespräch mit ihr gelesen, während dessen sie gefragt wurde, ob sie eigentlich nicht lieber anspruchsvolle Bücher schreiben würde. Sie antwortete sinngemäß, Walser sei ja auch nicht traurig, dass er keine witzigen Frauenromane schreiben könne. Oder war es Mosebach? Egal, ihr versteht schon. Mir gefällt diese Argumentation ausgesprochen gut, schließlich ziert mein erstes Buch ein rosa Cover, und zum Bachmann-Preis werde ich damit auch nicht eingeladen. Meine Trauer darob hält sich in Grenzen.

Vor der Lektüre war ich also ausgesprochen positiv voreingenommen. In „Sternschanze“ geht es um Nicola, deren Mann Oliver unlängst fett Karriere gemacht hat. Sie selbst hat ihren Job aufgegeben. Jetzt gehören sie zur Hamburger High Society, wo Oliver sich ausgezeichnet macht, Nicola sich aber grässlich unwohl fühlt. Weil er sie vernachlässigt, verknallt sie sich bei einer zufälligen Begegnung in einen alten Bekannten und beginnt eine Affäre. Ein halbes Jahr gibt sie sich Zeit zum Nachdenken, ob ihre Ehe Bestand haben soll.

Weil Nicola aber ein ausgesprochener Pechvogel ist, fliegt sie auf, und zwar in der denkbar unwürdigsten Art und Weise. Die Entscheidung ist ihr damit abgenommen; jetzt muss sie schauen, wie sie ohne das Penthouse und den Gatten klar kommt. Eine kleine Robinsonade also, wobei Nicola nach kurzer Verzweiflung vieles in den Schoß fällt. Etwas realistischer hätte das nach meinem Geschmack durchaus sein können.

Ildikó von Kürthy hat eine ungewöhnliche Erzählweise gewählt: zwei vor, eins zurück. Die Kapitel enden fast alle vor einer spannenden Entwicklung, die dann aber übersprungen wird. Das nächste Kapitel beginnt schon zwei Schritte weiter, greift aber im letzten Drittel noch einmal zurück und erzählt en passant, was passiert ist. Um dann wieder den nächsten Schritt auszulassen. Das klingt kompliziert und macht Menschen, die es linear mögen (zum Beispiel Männer!), wahrscheinlich nach kurzer Zeit wahnsinnig. Aber es führt eben auch dazu, dass man immer weiter lesen will. Sehr clever, wirklich.

Ihren Wortwitz lässt Ildikó von Kürthy hier eher selten aufblitzen. Es gibt ein paar amüsante Anekdoten wie die der Weihnachtsgans, in der die Innereien-Tüte vergessen wurde, aber der Grundton ist eher melancholisch. Nicola schlägt sich nämlich auch noch mit der Sehnsucht nach ihren verstorbenen Eltern, vor allem nach dem Vater, herum. Ein ziemlich großes Päckchen für die Heldin eines Frauenromans. Für Klamauk bleibt da wenig Platz, es ist eher wie Bridget Jones in Moll. Und ja, das ist ein Kompliment.

Was jetzt? Kommt neben Bridget Jones. Zusammen ergeben sie einen schön schrägen Akkord.

Ildikó von Kürthy: „Sternschanze“. Roman. Rowohlt Verlag, Hamburg 2014. 346 Seiten, gebunden, 17.95 Euro.

#13 – T.C. Boyle: „Dr. Sex“

Provenienz: Ein mir nahestehender Herr hat es aussortiert, und ich habe zugegriffen.

Ungelesen seit: zwei Wochen

boyleAlfred Kinsey, der große Sexualforscher, ist tot – und sein engster Mitarbeiter John Milk und dessen Frau Iris streiten sich kurz vor der Beerdigung. Das ist der Prolog, und er erfüllt seinen Zweck prima: Es klingt, als hätte Kinsey im Laufe der Zeit einen Keil zwischen die Eheleute getrieben, und ich wollte sofort wissen, wie.

Wir befinden uns im Amerika der Fünfziger Jahre; einer Ära, zu der in den meisten Gehirnen wahrscheinlich sofort das Wort „prüde“ erschallt. Manche schreiben entsetzte Briefe à la „Mein Mann will mich da unten küssen, das ist doch sündig“; andere wiederum leben ein sexuell ausschweifendes Leben – so wie Kinsey selbst. Ein klares Sittengemälde wäre schön gewesen, aber T.C. Boyle bleibt schwammig. Die Aussage lautet also: Manche sind prüde, andere nicht. Man könnte sie zu jedem Zeitpunkt über jede Gesellschaft treffen.

Boyle erzählt die Geschichte aus der Perspektive von John Milk, der einzigen fiktionalen Figur des Kreises um Professor Kinsey. Milk heuert als Student an bei „Prok“, wie der Forscher genannt wird, und beginnt sowohl mit ihm als auch mit seiner Frau Mac ein sexuelles Verhältnis. Parallel verliebt er sich in eine Kommilitonin, die er später heiratet.

Wie man sich vorstellen kann, geht das nicht gut zusammen. Prok verhält sich bei allem Charme und Geistesreichtum fürchterlich dominant und redet seinen Mitarbeitern in die privatesten Angelegenheiten hinein – auch, mit wem sie Sex haben sollten. Iris dagegen ist, obwohl in der Auswahl ihrer Sexualpartner konservativer als alle anderen, der größte Freigeist von ihnen. Sie denkt nicht daran, vor Prok zu kuschen. John Milk ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden starken Persönlichkeiten.

Nebenbei erzählt T.C. Boyle von der Forschungsarbeit des Teams. Hierbei gilt: Die absurdesten Szenen sind historisch belegt. Zum Beispiel die Studie, für die Kinsey tausend Männer beim Onanieren filmte – vor allem um zu klären: Wie viele spritzen, wie viele tröpfeln eher? Ein Projekt nach dem Motto „L’art pour l’art“, scheint mir.

Die Forschung bietet dem Autor natürlich jede Menge spannende Details. Aber, was noch viel besser ist: Die Sprache leuchtet an manchen Stellen förmlich hervor. Boyle formuliert originell und ist ausgezeichnet übersetzt von Dirk van Gunsteren. Über eine Studentin, mit der Milk eine Vorlesung aufsucht, heißt es beispielsweise „[…] ich neben der sich putzenden Laura Feeney“, und ohne genau zu beschreiben, was sie tut, erklärt dieser Satz doch alles. Auch sehr erfreut war ich über die Wortschöpfung „Gerüchteköche“. Leider wurde mein Enthusiasmus kurz darauf vom Wort „Tischtennistisch“ gebremst.

Und das Versprechen des Prologs? So ganz wird es nicht eingelöst. Die Situation zwischen John und Iris ist nämlich deutlich weniger dramatisch, als es eingangs wirkte. Aber hey, besser als umgekehrt.

Was jetzt? Vielleicht stelle ich es neben Bukowski. Den würden die pikanten Details sicher brennend interessieren.

T.C. Boyle: „Dr. Sex“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2005. 472 Seiten, gebunden, 24.90 Euro.

#11 – Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“

Provenienz: Ich wollte dieses Buch schon lange lesen und habe es mir zu Weihnachten gewünscht. Jetzt ärgere ich mich darüber.

Ungelesen seit: zweieinhalb Monaten

Auf Seite 80 war ich angelangt, als ich abends über diesen Offenen Brief stolperte. Lewitscharoff hatte im Dresdner Schauspielhaus eine Rede gehalten, die man als menschenverachtend bezeichnen muss. Hier gibt es sie in voller Länge zum Nachlesen.

Mein erster Impuls war: Ich lese das Buch nicht zu Ende. Ich weigere mich, ein Buch von einer Frau zu lesen, die andere aufgrund ihres Kinderwunsches oder der Art ihrer Zeugung so pauschal und kaltherzig verurteilt.

Aber dann fiel mir die Position ein, die ich zur Trennung von Autor und Werk immer vertreten habe. Bestimmt sind unter meinen Lieblingsbüchern auch welche von Schriftstellern mit ekelhaften Überzeugungen. Die waren zwar immerhin so freundlich, sie nicht voll umfänglich in die Welt hinaus zu blasen, aber wer weiß. Ich habe es also zu Ende gelesen. Ein Buch von Lewitscharoff zu kaufen, würde ich in Zukunft aber auch unterlassen, wenn mir „Blumenberg“ gefallen hätte. Eine Wirtschaftseinheit sind Autor und Werk nämlich durchaus, und ich kaufe schließlich auch nichts von Müller-Milch, seit Herr Müller mehrere Journalisten tätlich angegriffen hat.

Gleichzeitig ist es mir heute unmöglich, nicht zu ihrer Rede Stellung zu beziehen, wenn ich über Lewitscharoff schreibe. Gerade ärgert mich vor allem ihre Slalom-Taktik. „Gemeinhin bin ich bestrebt, meinen Vorträgen durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen, damit der Ernst, der sich darin auch zu Wort meldet, besser verdaut werden kann. Bei dem heute gewählten Thema fällt mir das schwer“, sagte sie einleitend. Dann bezeichnete sie ein Verbot der Onanie als „weise“ und sagte über die Kinder künstlicher Befruchtung, „dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

Im Interview mit der F.A.Z. verkaufte sie die Onanie-Bemerkung dann als Polemik und Ironie – in einer Rede, die sie vorher eigens als ernst angekündigt hatte. Sie habe dazu gedient, die Zuhörer aufzuwecken. Wer Zuhörer nicht ohne solchen Unsinn aufwecken kann, sollte vielleicht einfach keine Reden vor bequemen Polsterstühlen halten. Die Bezeichnung „Halbwesen“ weigerte sie sich jedoch zurückzunehmen. Nur um sich später im „Morgenmagazin“ auch dafür zu entschuldigen, nachdem selbst der Suhrkamp-Verlag sich bereits von seiner Autorin distanziert hatte. Manchem klang bereits die Rede nach Kalkül zum Marketing ihres neuen Buches. Ich habe den Eindruck, sie denkt erst seit dem öffentlichen Aufschrei an ihre Verkaufszahlen.

Ich habe Freunde, die zu den Menschen gehören, die Lewitscharoff so rüde aburteilt. Menschen mit großem Kinderwunsch, die fantastische Eltern sein werden, wenn es denn endlich mit ein bisschen Hilfe geklappt hat. Mir fehlt jegliches Verständnis dafür, wie man so verbohrt sein kann, ihnen die Chance auf eine Familie abzusprechen. Und ich staune, wie jemand, der sich immer wieder auf die Bibel beruft, so wenig Nächstenliebe in sich tragen kann.

13941892959200Kommen wir zum Buch. Ich kann nicht ausschließen, dass mein Ärger mich da beeinflusst hat, aber ich war schon vor dem Vorfall nicht begeistert. Lewitscharoff hat eine Hommage an den Philosophen Blumenberg verfasst, und ich konnte nicht fassen, dass der Klappentext ihn als „hochsympathisch“ bezeichnet. Ich fand die Figur lächerlich und musste erst mal googeln, ob das Buch nicht doch als Satire gemeint ist. Ist es nicht.

Blumenberg sieht eines Tages einen Löwen in seinem Arbeitszimmer, der ihn fortan begleitet. Er macht sich allerlei hochtrabende Gedanken darüber, warum ausgerechnet ihm diese kosmische Ehre zuteil wird: „Ob über ihm als Nachtwächter eine andere Nacht Wache hielt, mit durchdringender Intelligenz begabt, die ihm den Löwen zu Ermunterungszwecken geschickt hatte, vielleicht aber auch, damit endlich klarer, rücksichtsloser, entschiedener geschrieben wurde, damit er Risiken einging und sein Äußerstes zu Papier brachte?“

Weniger prätentiös ist die Sprache selten. Noch ein Beispiel? Ja? Na gut: „Von der Enthärtung der physischen Wirklichkeit bei unverwandt in die Erscheinung hineinblühendem Sein ging etwas zutiefst Beruhigendes aus.“ So eine halbgare Klugscheißerei habe ich zuletzt in einem Soziologie-Seminar gehört, bevor ich mit wehenden Fahnen das Nebenfach wechselte.

Zwei der Kapitel tragen die sprechenden Titel „Kurzes Zwischenstück darüber, wo die Zuständigkeit des Erzählers endet“ und „Weiteres Zwischenstück, in dem der Erzähler die Zeit um ein Jahr voranschiebt“. Zu Beginn des zweiten heißt es: „Anders als versprochen, meldet sich der Erzähler noch einmal zu Wort.“ Falls das ein Kunstgriff sein soll, hat Lewitscharoff ihn geschickt kaschiert. Mir kommt es vor, als würde mich der Chirurg während der Operation aufwecken und fragen, ob er den Blinddarm ganz entfernen soll oder nur halb oder ob ich stattdessen vielleicht eine Frikadelle implantiert bekommen möchte. Mir ist es sehr recht, wenn ein Autor seine Gedanken über die beste Erzählweise mit sich selbst oder seinem Verlag ausmacht, und mir nicht seine unausgegorenen Ideen vor die Füße kippt. Apropos Erzählweise: Wenn die Geschichte auserzählt ist, führt Lewitscharoff einfach eine neue Figur ein und erzählt ab da von der. Ich komme leider nicht umhin, das plump zu finden.

Natürlich habe ich in den letzten zwei Dritteln die ganze Zeit nach einem Hinweis auf Lewitscharoffs Überzeugungen gesucht. Aber so einfach war es nicht. Ich habe stattdessen das Gegenteil gefunden. „Der Tod hat keinen Wert, das Leben allen“, schreibt sie. Stimmt. Als sie die künstliche Befruchtung geißelte, hatte sie das wohl vergessen.

Was jetzt? Momox-Stapel. Auch wenn der Wertverlust wahrscheinlich dramatisch ist.

Sibylle Lewitscharoff: „Blumenberg“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 216 Seiten, Taschenbuch, 8.99 Euro.