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#34 – Gernhardt, Eilert, Knorr: „Erna, der Baum nadelt!“

Provenienz: aus dem tollen Buchpaket zu meinem Dreißigsten

Ungelesen seit: zweieinhalb Jahren

wpid-20141224_090700-1.jpgIch hatte ja keine Ahnung, was ich da in die Hand nehme. Robert Gernhardt geht bei mir immer, und die weihnachtliche Anmutung barg eine gewisse Dringlichkeit, das nun nicht bis in den Sommer hinein liegen zu lassen. Es zeigte sich: „Ein botanisches Drama am Heiligen Abend“ ist schnell gelesen. Zumindest beim ersten Mal.

Wie der Titel verheißt, geht es um einen plötzlich nadelnden Christbaum. Der steht bei der Familie von Erna und Schorsch Breitlinger, die anfangs entsetzt sind und Nachbarn zu Hilfe rufen. Alle anderen sind auch entsetzt, so dass die Breitlingers schließlich eher stolz sind auf dieses Phänomen und der Presse gern für ein Foto zur Verfügung stehen. Bis das frohe Ereignis nach einer Weile so schnell zu Ende ist, wie es begonnen hat.

Das Ganze ist geschrieben wie ein Theaterstück, und, jetzt kommt’s: in Mundart. Ursprünglich auf Hessisch, was übrigens einer der am leichtesten zu erlernenden Dialekte ist, weil man einfach nur die Zunge loggä lasse muss. Wer sich noch gut an die letzte Betäubung beim Zahnarzt erinnern kann, parliert fließend Hessisch. Aber es gibt da noch ein paar andere hübsche Dialekte. Salzburgerisch etwa, Sächsisch, Schwäbisch – die Übersetzungen in all jene und viele mehr sind dem Hessischen angehängt, und die Riege der Verfasser kommt mit Harry Rowohlt und Otto Waalkes recht illuster daher.

Die ganze Bräsigkeit der Familie Breitlinger und die Bauernschläue, mit der sie schließlich durch den nadelnden Baum berühmt werden möchte, wirken erst im Dialekt richtig authentisch. „Kinner, was e Uffreschung!“ Gleichzeitig hat das Stück in jedem Dialekt eine andere Atmosphäre, weswegen auch nicht langweilig wird, was bei uns an Weihnachten passierte: Nach einer Lesung auf Kölsch folgten die Vorträge auf Bayerisch und Hessisch, und nur die Gans hielt uns davon ab, auch noch den Hamburger Zungenschlag zu würdigen, in der der Baum selbstverständlich nicht nadelt, sondern am Nadeln ist. Dieses enorme Repertoire an Dialekten ist übrigens nur einer von vielen Vorzügen einer umfangreichen Patchworkfamilie.

Solltet ihr also etwas langweilige Feiertage verbracht haben, bei denen euer Vater wieder Geschichten von früher erzählt hat und eure Mutter nur davon redete, dass ihr die Gans diesmal aber wirklich zu trocken geraten sei: Kauft dieses Buch fürs nächste Jahr. Es ist die reinste Stimmungskanone.

Was jetzt? Nächstes Jahr bringe ich das wieder mit. Wir haben ja noch Hamburg vor uns. Und meine Brüder dürfen nur noch Frauen anschleifen, die neue Dialekte mit einbringen.

Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Peter Knorr: „Erna, der Baum nadelt!“ Mit Illustrationen von Volker Kriegel. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2010. 103 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#33 – Charles Dickens: „Weihnachtsgeschichten“

Provenienz: Das lässt sich dank der Widmung ausnahmsweise sehr genau sagen: Meine Mutter bekam es zum zehnten Geburtstag von ihrem jüngsten Onkel geschenkt.

Ungelesen seit: In meinem Regal steht es nun wahrscheinlich auch schon seit zwanzig Jahren.

wpid-14193387794430.jpgSo sträflich, wie ich dieses Buch vernachlässigt habe, kann ich froh sein, dass mir kein Geist zum Behufe der Bekehrung erschienen ist. Natürlich kennen wir alle die klassische Weihnachtsgeschichte von Dickens um den geizigen und garstigen Ebenezer Scrooge, aber ich könnte nicht beschwören, sie gelesen zu haben. Gleichzeitig hat sie mich leider sogar ein bisschen gelangweilt, weil ich eben schon alles wusste. Noch mal in aller Kürze: Dem alten Scrooge erscheint zuerst der Geist der vergangenen Weihnacht und nimmt ihn mit in seine einsame Kindheit, was ihm aus unerfindlichen Gründen sofort das Herz erweicht. Dann der Geist der gegenwärtigen Weihnacht, dank dem er hören kann, wie jene über ihn reden, deren freundliche Einladungen er ausgeschlagen hat. Und, fast noch wichtiger: Was er bei ihren schönen Feiern verpasst. Der Geist der zukünftigen Weihnacht schließlich führt ihm vor, wie er gestorben ist und niemand um ihn trauert. Natürlich macht Scrooge daraufhin eine Kehrtwende und ist fürderhin ein liebevoller Onkel und freundlicher Mensch. Na ja.

Erstaunlicherweise haben mir die anderen beiden Geschichten im Buch besser gefallen. Bei „Das Heimchen am Herd“ habe ich immerhin mal gelernt, woher dieser Ausdruck kommt: Man stellte Heimchen, also diese kleinen Grillen, in einem Käfig neben den Herd. Sie zirpten, wenn man den Ofen anheizte, und mehr und lauter, je heißer es wurde. Ein früher Feuermelder also. Und in Sachen Tierhaltung auch nicht so viel schlechter, als an eine Echse verfüttert zu werden, wie es den meisten heutzutage verkauften Grillen blüht.

Dieses Heimchen jedenfalls erfreut Dot, die junge Ehefrau des Fuhrmanns. Die beiden leben ein glückliches Leben, bis, ja, bis der Fuhrmann sich plötzlich mit einem verkleideten Mann und einer vermeintlichen Untreue seiner Frau konfrontiert sieht. Aber natürlich sind alle reinen Herzens und gute Menschen – bis auf den alten Spielzeugfabrikanten, den es zum Schluss recht hart trifft. Da hatte Dickens wohl keine Zeit mehr für Reue und Umkehr. Überhaupt sind die Grenzen zwischen Gut und Böse klar gezogen: Die einfachen Leute sind gut, die Reichen böse.

Das ist besonders eindrucksvoll in der dritten Geschichte abgebildet. „Silvesterglocken“ handelt von Toby, der sein Geld mit Botengängen und anderen kleinen Aufträgen verdient, und seiner Tochter Meg. Die Sprache ist generell wunderschön in dieser eulenalten Übersetzung, doch hier fällt mein Lieblingssatz, als der alte Mann sich vor der Kirche unterstellt: „Freilich ein windiger, gänsehäutiger, blaunasiger, rotäugiger, steinzehiger und zähneklappernder Warteplatz zur Winterszeit, wie Toby Veck wohl wußte.“ Zuerst trifft Toby auf den Friedensrichter, der ihn der hanebüchensten Dinge beschuldigt. Toby nehme etwa den Witwen und Waisen etwas weg, indem er Kuttelflecke äße. Darum wird ihm der letzte Bissen seines Mahls weggenommen. Das ist eine schrecklich demütigende Szene. Als nächstes begegnet Toby einem anderen reichen Mann, der groß davon spricht, wie er ihm helfen wolle: mit klugen Ratschlägen, und dafür erwarte er nur Undank, denn schließlich seien arme Menschen immer nur undankbar! Toby steht da, ist gezwungen, sich eine Unverschämtheit nach der anderen anzuhören, und bewahrt Haltung wie ein Boxer. Ab da geht es sogar noch bergab. Doch am Ende kommt alles in Ordnung. Schließlich ist Weihnachten!

Apropos: Frohe Weihnachten auch euch. Und, um es mit Dickens zu sagen: „Möge dann jedes Jahr glücklicher werden als das vorige!“

Was jetzt? Das Buch bringe ich an Weihnachten meiner Mutter mit.

Charles Dickens: „Weihnachtsgeschichten“. Erzählungen. Eduard Kaiser Verlag, 254 Seiten, vergriffen.
Die Geschichten stehen auch beim Projekt Gutenberg.