Kategorie: Spanien

#3 – Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“

Provenienz: Meine Großmutter hat uns zu Weihnachten einen Schwung Bücher gekauft, und jeder sollte sich eines aussuchen. Ich wollte dieses. Bestseller, dachte ich mir, da kannste nicht viel falsch machen.

Ungelesen seit: dreizehn Monaten

BIld3Mit diesem Buch kann man wahrscheinlich Diabetiker töten. Es fängt so dermaßen überkitscht und zuckersüß an, dass ich es kaum ertragen konnte. Der wissbegierige Junge, dessen verwitweter Vater sich so rührend für ihn aufopfert in schwierigen Zeiten. Man meint, in einen Disneyfilm geraten zu sein. Diese Phase muss man erst mal überstehen.

Dann wird es aber schon richtig spannend. Der Junge, Daniel, gerät an ein Buch namens „Der Schatten des Windes“ und ist begeistert davon. Er will alles über den Autor erfahren, aber dessen Geschichte ist geheimnisvoll – und tragisch. Seine weiteren Bücher, die Daniel gerne lesen würde, sind im Laufe der vergangenen Jahre von einem Unbekannten aufgekauft oder gestohlen und verbrannt worden. Nach und nach findet Daniel in Barcelona einige Leute, die ihm etwas über den Autor verraten können. Diese Schnipsel setzt er zusammen und forscht immer weiter.

Eine überaus klassische Erzählweise also, wie in einem Detektivroman. Und glücklicherweise ist die Geschichte spektakulär genug, dass man über die Schweißnähte hinwegsehen kann. Warum nämlich ausgerechnet Daniels große Liebe sich gerne heimlich in ein bestimmtes von all den Häusern in Barcelona zurückzieht, das für seine Recherche wichtig ist – nun ja. Zafón hat diese leichten Konstruktionsschwächen ganz geschickt im Voraus dadurch rechtfertigt, dass zwischen Daniel und dem mysteriösen Autor eine Art magische Verbindung besteht. Das erlaubt ihm das Niederschreiben unglaubwürdigster Zufälle. Cleverer Schachzug.

Die kitschige Grundkonstellation wird übrigens immer mehr abgetragen, je älter Daniel wird und je mehr er von der Welt mitbekommt. In Barcelona kann man nämlich ausgerechnet der Polizei schon seit dem Bürgerkrieg in der 1930er Jahren nicht mehr trauen. Um genau zu sein: Man muss sie fürchten. Was in den Rückblenden vom Bürgerkrieg erzählt wird und was zur Zeitpunkt der Erzählung von dieser Unruhe noch übrig ist, beschreibt Zafón fast nebenbei, aber in drastischen Szenen. Das gibt dem Buch eine politische Tiefe, die es dringend braucht. Sonst könnte es nämlich fast ein ambitionierter Jugendroman sein.

Was jetzt? Ich habe es noch während des Urlaubs, in dem ich es ausgelesen habe, einem Mitreisenden geliehen. Wenn ich ihn richtig einschätze, bekomme ich es zurück. Dann landet es neben Gabriel García Márquez. Ja, ich weiß schon, der ist Kolumbianer. Aber allzu viele Spanier gibt es bisher in meinem Regal nicht.

Carlos Ruiz Zafón: „Der Schatten des Windes“. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Suhrkamp, Berlin 2012. 562 Seiten, Taschenbuch, 9.99 Euro.

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