Kategorie: USA

#44 – Jonathan Franzen: „Unschuld“

Provenienz: Der Mann überreichte es mir, nachdem er mich vorher kaltblütig mit „Freiheit“ angefixt hatte.

Ungelesen seit: Etwa zwanzig Minuten. Ich bin wirklich angefixt.

wpid-wp-1444592471489.jpegUm dieses Buch zu lesen, hatte ich eigentlich den denkbar schlechtesten Zeitpunkt erwischt. Erst stand ein Umzug an, der mich die letzten Reste meines Verstandes kostete, und tags darauf warf mich eine Erkältung um. Meine Laune war also nicht gerade prächtig, als ich zwischen unausgepackten Umzugskartons röchelnd im Bett lag. Zwei Dinge retteten sie: Meine zwanghaft geführte Excel-Tabelle mit dem genauen Inhalt sämtlicher nummerierter Kisten, dank derer ich innerhalb von zwanzig Sekunden den Wasserkocher fand und immerhin Tee kochen konnte. Und dieses Buch, dessen Lektüre ich nur unterbrach, um stundenlang komatös zu schlafen.

Der Titel rührt vom Namen der Protagonistin her, Purity, genannt Pip. Eine junge Frau mit widerständigem Geist, haufenweise Studienschulden und einer anstrengenden Mutter. Pip hasst ihren Job, wohnt in einem besetzten Haus und ist unglücklich in einen der Mitbewohner verliebt. In dieser desolaten Situation erhält sie das Angebot, nach Bolivien zu reisen und für eine Organisation zu arbeiten, die entlarvende Regierungsdokumente ebenso online stellt wie Zahnarztskandälchen. Sie fährt hin, sie lernt einen Mann mit zwei Gesichtern kennen, und sie findet im Anschluss heraus, wer ihr stets totgeschwiegener Vater ist. Ich unterschlage jetzt mal sämtliche Details, ihr sollt es schließlich selbst lesen.

Franzen zeichnet seine Figuren sehr plastisch, und er nimmt sich viel Zeit dafür. Über jedermanns Vergangenheit erfahren wir viel, es wird ausgiebig erzählt, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Das ist super, das hätte ich fürs richtige Leben auch gerne. Jemanden, der neben mir hergeht und Dinge sagt wie: „Dein neuer Kollege hat als Kind lange ins Bett gemacht, weil sein Vater seine Mutter geschlagen hat. Er ist zutiefst unsicher, deshalb wirkt er wie ein arroganter Saftsack.“ Wäre das schön. Und so praktisch! Mein einziger Kritikpunkt an der Geschichte ist, dass mir die Kombination „Alter Mann trifft junge Frau, doch nach ein paar Jahren wird es zäh“ ein bisschen zu oft in leichten Variationen vorkam.

Aber. ABER! Die Übersetzung. Es ist das Grauen. Tut mir leid. Denn eigentlich fallen durchaus wunderschöne Sätze in „Unschuld“. Diese zum Beispiel:

Als arbeitende Journalisten in einer Studentenschaft, die sich nach Studentenmanier vergnügte, erreichten meine Freunde und ich ein Selbstgefälligkeitsniveau, wie es mir erst wieder unterkommen sollte, als ich Mitarbeiter der New York Times kennenlernte. Natürlich hatten wir alle einen Nougatkern der Unschuld, aber jeder prahlte mit seinen sexuellen Großtaten an der Highschool, und dass meine Freunde womöglich logen – ich tat es ja schließlich auch –, dämmerte mir nie.

Nougatkern der Unschuld, hach. Und jetzt kommen wir zu den Negativbeispielen. Es fängt damit an, dass Pip und ihre Mutter besonders geruchsempfindlich sind. „Smell is hell“, sagen sie im amerikanischen Original. Und im Deutschen? „Geruch ist Fluch.“ Waaaahhh! Das reimt sich nicht! Nicht mal im Ansatz! Das macht mich völlig fertig. Was war die Alternative, wenn die Übersetzer das für die beste Lösung hielten? „Riechen ist Siechen“? „Gestank ist Punk“? „Odeur macht’s mir so schwör“? Halten wir fest: Man hätte das einfach gar nicht übersetzen müssen. Schließlich sind auch ganze Sätze auf Spanisch nicht übersetzt. Man versteht das schon, Himmelherrgott.

In Relation dazu ist der Rest Kleinkram, über den man beim Lesen trotzdem stolpert. „Er rümpfte die Brauen“ etwa missfiel mir außerordentlich. Außerdem schreibt der Godfather of Internetenthüllungen in Mails an Pip dauernd LOL. LOL. Wie so ein Teenager anno 2005. „Ihre Mail ist LOL“ – das ist nicht nur miese Grammatik, sondern auch noch peinlich. ROFLCOPTER hätte ich immerhin noch als Ironie durchgehen lassen.

Sehr seltsam mutet auch die Beschreibung an, wie bei der Arbeit am Computer „alle Frauen […] mausten und klickten“. Ich kenne mausen durchaus als Verb, aber in dieser Bedeutung ist es mir noch nie untergekommen. Außerdem kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, die bedeutungsarme Tätigkeit des bloßen Umherschiebens der Maus, bis man wieder eine ihrer Tasten betätigt, habe überhaupt kein eigenes Verb verdient. Diese Stellen haben mich fürchterlich geschmerzt, aber sie können das Buch nicht ruinieren. Ein Glück. Lest es.

Was jetzt? „Die Korrekturen“. Ganz klar.

Jonathan Franzen: „Unschuld“. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Hamburg 2015. 832 Seiten, gebunden, 26.95 Euro.

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#40 – Audrey Niffenegger: „Die Frau des Zeitreisenden“

Provenienz: Geschenkt bekommen.

Ungelesen seit: drei Jahren

wpid-2015-05-30-11.47.09.jpg.jpegHoffentlich merkt ihr nicht zu deutlich, wie ich es momentan gerade so schaffe, am Ende des Monats wenigstens einen Buchtext hier zu veröffentlichen. Es ist einfach viel los. Aber dieses Buch habe ich tatsächlich schon Anfang oder Mitte des Monats gelesen – und auch schon in einem Podcast darüber erzählt (Spoilerwarnung!).

Jedenfalls wirkt „Die Frau des Zeitreisenden“ von außen fröhlich, geradezu trivial. Das hat der Roman mal wieder dem Klappentext zu verdanken: „Clare fällt aus allen Himmeln, jedes Mal aufs Neue, wenn Henry vor ihr steht. […] Seine Zeitreisen sind das brennende Geheimnis, das Henry und Clare mit jeder Trennung noch inniger vereint.“ Brennendes Geheimnis? Geht’s noch? Groschenroman, ick hör dir trapsen. Solche Sätze hat das Buch nicht verdient!

Tatsächlich handelt es sich um eine romantische Liebesgeschichte, die erstaunlich wenig creepy ist, obwohl sie alle Zutaten hätte. Schließlich besucht der Zeitreisende Henry seine Frau Clare, als jene noch ein Kind und später ein junges Mädchen ist, das ihn unbedingt verführen möchte. Das klappt erst spät, dann allerdings haben die beiden dauernd Sex, unentwegt, es ist fast etwas redundant, aber gut, wir halten fest: Sie begehren einander sehr.

Und dann wird es heikel. Ich kann leider nicht allzu viel verraten, jedenfalls wird diese fröhliche, beseelte und leicht paranormale Liebesgeschichte ganz langsam ausgebremst. Es deutet sich an, aber weil ich das überhaupt nicht glauben mochte, habe ich natürlich doch bis zum Schluss gelesen. Hätte ich das doch mal besser gelassen.

Romantiker! Lest das Buch, klappt es in der Mitte zu, denkt euch irgendwas von „Happily ever after“ und geht einen Tee trinken. Lest nicht weiter. Ehrlich jetzt, hört auf meinen Rat, ich meine es nur gut.

Und für jene von euch, die eine Axt suchen für das gefrorene Meer in sich: Dieses Buch ist aber so was von eine Axt. Tretet beiseite, wenn die Späne fliegen.

Was jetzt? Ich behalte es, aber das kommt in die „Handle with care“-Ecke.

Audrey Niffenegger: „Die Frau des Zeitreisenden“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004. 825 Seiten, geb., 10 Euro.

#37 – Karen Russell: „Vampire im Zitronenhain“

Provenienz: zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen. Glaube ich.

Ungelesen seit: zehn Monaten

wpid-2015-03-15-12-48-16-jpgManchmal muss man eben gleich mit der Tür ins Haus fallen. Also: Dies ist die beste Zusammenstellung von Erzählungen, die ich jemals gelesen habe. Karen Russell ist Jahrgang 1981 und gilt zu Recht als eine der besten Nachwuchsautorinnen der Vereinigten Staaten. Auf der Rückseite des Buches schaut sie etwas zaghaft aus der Wäsche, aber das täuscht. In ihrem Kopf geht nämlich ganz schön die Post ab.

„Vampire im Zitronenhain“ hebt sich von anderen Erzählungsbänden unter anderem durch die aberwitzige Vielfalt von Welten ab, die Russell ersonnen hat. Wir kennen es ja alle, dass in einem Buch jede Kurzgeschichte klingt, als widerfahre sie dem Nachbarn des Protagonisten der vorhergehenden Seiten. Das kann seinen Charme haben. Aber wenn ich es mir aussuchen kann, bevorzuge ich den wilden Ritt durch Karen Russells erstaunliche Erfindungsgabe.

Der Titel zum Beispiel. Der mag metaphorisch klingen, aber es geht in der ersten Erzählung tatsächlich genau darum: einen Vampir, der in einem Zitronenhain lebt. Weil er kein Blut mehr trinkt, sondern Zitronensaft. Erst spät hat er gelernt, dass er kein Blut braucht, dass Knoblauch ganz lecker und Sonnenlicht kein Problem ist. Seine Gefährtin hingegen macht durchaus Probleme. Man ist sich nicht mehr in allem so einig wie noch vor einigen hundert Jahren.

Die nächste Geschichte ist eine recht konventionelle Teenager-Story, dann folgt ein Ausflug ins Grusel-Genre, dann eine bitterböse Satire über ehemalige amerikanische Präsidenten, die nach ihrem Tod als Pferde in einem Stall wieder zu sich kommen. Anschließend ein Ausflug zu den jährlichen Nahrungskettenspielen in der Antarktis, Team Wale gegen Team Krill. Genau so geht es weiter, eine ungewöhnliche Idee reiht sich an die andere. Völlig ausgeflippt? Aber ja doch. Großartig!

Von ihrer unerschöpflichen Phantasie mal abgesehen, hat Karen Russell auch ein besonderes Talent für erste Sätze. Was für ein Glück, dass sie keinen Roman geschrieben hat – sonst gäbe es nur einen davon! So aber beginnen die Erzählungen wie folgt:

Im Oktober ernten die Männer und Frauen von Sorrent den primofiore oder die „Frucht der ersten Blüte“, die besonders saftigen Zitronen; im März reifen dann die hellgelben bianchetti und im Juni die grünen verdelli.

Oder auch:

Man mag sich fragen, wozu es Regeln für die Fanveranstaltungen geben soll, wenn die Nahrungskettenspiele selbst eine gesetzlose Metzelei sind.

Mein Lieblingseinstieg lautet:

Etliche von uns behaupten, Tochter eines Samurai zu sein, aber nachprüfen lässt sich das natürlich nicht mehr.

Ich mag besonders den alltäglichen Tonfall, mit dem Russell die irrsinnigsten Dinge beschreibt. Das hat mich an Douglas Adams erinnert. Vielleicht auch, weil sich so ein feinsinniger Humor durch die Geschichten zieht. Ich bin jedenfalls schwer begeistert und will mehr: Von Karen Russell sind bereits zuvor zwei Bücher auf Deutsch erschienen. Hurra!

Was jetzt? Das kommt auf eines der Regalbretter mit den meistgeliebten Büchern.

Karen Russell: „Vampire im Zitronenhain“. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. Kein & Aber, Zürich/Berlin 2013. 319 Seiten, gebunden, 19.90 Euro

#16 – J.R. Moehringer: „Tender Bar“

Provenienz: aus der schönen Sammlung, die mir Kollegen einst schenkten.

Ungelesen seit: ziemlich genau zwei Jahren.

wpid-13992790053890.jpgEs gibt ein paar Bücher, die ich Männern schenke, wenn mir nichts anderes einfällt. „Der König von Mexiko“ von Stefan Wimmer ist so eines. Auch „Man down“ von André Pilz gehört dazu. Jetzt gibt es noch eines: „Tender Bar“ ist eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich viele Männer sicher wunderbar wiederfinden. Auch mich hat sie prächtig unterhalten.

Der Journalist und Schriftsteller J.R. Moehringer beschreibt das Aufwachsen eines jungen Mannes namens J.R. Moehringer, und es spricht nicht für meinen Geisteszustand, dass mir die Namensgleichheit erst nach etwa der Hälfte der Lektüre aufgefallen ist. Aber egal, denn dass das Buch autobiographisch ist, konnte ich dem Klappentext entnehmen (und mir sogar merken, man stelle sich vor). 1964 wird J.R. geboren und wächst mit seiner Mutter und etlichen weiteren Verwandten im chaotischen, düsteren Haushalt seiner Großeltern nahe New Yorks auf. Sein cholerischer Vater ist nur akustisch präsent: Er moderiert eine Radiosendung, und seit die Eltern sich getrennt haben, sitzt J.R. eben vorm Radio und lauscht der Stimme. Die Mutter arbeitet, zieht mit ihrem Sohn aus, scheitert und zieht zurück zu den Großeltern. Das passiert mehrfach, bis sie den Absprung nach Arizona schafft.

Für J.R. ist dieser Umzug keine reine Freude, denn er hat einen Vaterersatz gefunden: Eine Bar namens Dickens, die später in Publicans umbenannt wird und eine Ansammlung der männlichsten Männer zusammenführt, die sich ein Zwölfjähriger vorstellen kann. Sein Onkel Charlie steht hinterm Tresen, und der Moment, da J.R. endlich volljährig ist und selbst einen Drink bestellen darf, ist für ihn wie für alle Anwesenden ein besonders stolzer.

Das Leben in und mit der Bar ist allerdings das Einzige, was bei J.R. reibungsfrei läuft. Er wird wider Erwarten in Yale angenommen, schlägt sich aber dort mehr schlecht als recht durch und kommt nie recht an. Er ist mit der schönsten aller Kommilitoninnen zusammen, aber sie hintergeht ihn. Und er bekommt den Traumjob, ein Volontariat bei der New York Times, aber das erweist sich als Sackgasse: Die Volontäre dürfen dort nur Sandwiches besorgen und Kopien machen, schließlich dann und wann ein Artikelchen schreiben. Sind sie endlich jemandem aufgefallen, arbeiten sie einen Monat zur Probe als richtige Reporter. Als nächstes setzt sich ein geheimer Ausschuss zusammen, der dann ohne Angabe von Gründen den Daumen hebt oder senkt. Wer durchfällt, kann den Rest seines Lebens als Bürobote dort arbeiten – oder eben gehen. Kurz nach dem Beginn von J.R.s Volontariat beschließen die Redakteure inoffiziell, dass keiner der Volontäre mehr übernommen wird, weil sich das finanziell nicht lohne. Ha. Und ich dachte, in den Achtzigern wäre Journalismus noch ein leichterer Job gewesen als heute.

Zwei Schritte vor, einer zurück: So verläuft das Leben von J.R. Moehringer. Selbst die Bar, die ihm Zuhause und Vater war, fällt am Ende auseinander. Ein melancholischer Ton zieht sich durch den Roman, und das ist großartig: die Verbindung von Alkohol und Melancholie. Sozusagen Buch gewordenes Finnland.

Was jetzt? Das Buch bleibt bei mir und wird sehr lieb gehabt.

J.R. Moehringer: „Tender Bar“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Fischer Verlag, Frankfurt 2007. 762 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#13 – T.C. Boyle: „Dr. Sex“

Provenienz: Ein mir nahestehender Herr hat es aussortiert, und ich habe zugegriffen.

Ungelesen seit: zwei Wochen

boyleAlfred Kinsey, der große Sexualforscher, ist tot – und sein engster Mitarbeiter John Milk und dessen Frau Iris streiten sich kurz vor der Beerdigung. Das ist der Prolog, und er erfüllt seinen Zweck prima: Es klingt, als hätte Kinsey im Laufe der Zeit einen Keil zwischen die Eheleute getrieben, und ich wollte sofort wissen, wie.

Wir befinden uns im Amerika der Fünfziger Jahre; einer Ära, zu der in den meisten Gehirnen wahrscheinlich sofort das Wort „prüde“ erschallt. Manche schreiben entsetzte Briefe à la „Mein Mann will mich da unten küssen, das ist doch sündig“; andere wiederum leben ein sexuell ausschweifendes Leben – so wie Kinsey selbst. Ein klares Sittengemälde wäre schön gewesen, aber T.C. Boyle bleibt schwammig. Die Aussage lautet also: Manche sind prüde, andere nicht. Man könnte sie zu jedem Zeitpunkt über jede Gesellschaft treffen.

Boyle erzählt die Geschichte aus der Perspektive von John Milk, der einzigen fiktionalen Figur des Kreises um Professor Kinsey. Milk heuert als Student an bei „Prok“, wie der Forscher genannt wird, und beginnt sowohl mit ihm als auch mit seiner Frau Mac ein sexuelles Verhältnis. Parallel verliebt er sich in eine Kommilitonin, die er später heiratet.

Wie man sich vorstellen kann, geht das nicht gut zusammen. Prok verhält sich bei allem Charme und Geistesreichtum fürchterlich dominant und redet seinen Mitarbeitern in die privatesten Angelegenheiten hinein – auch, mit wem sie Sex haben sollten. Iris dagegen ist, obwohl in der Auswahl ihrer Sexualpartner konservativer als alle anderen, der größte Freigeist von ihnen. Sie denkt nicht daran, vor Prok zu kuschen. John Milk ist hin- und hergerissen zwischen diesen beiden starken Persönlichkeiten.

Nebenbei erzählt T.C. Boyle von der Forschungsarbeit des Teams. Hierbei gilt: Die absurdesten Szenen sind historisch belegt. Zum Beispiel die Studie, für die Kinsey tausend Männer beim Onanieren filmte – vor allem um zu klären: Wie viele spritzen, wie viele tröpfeln eher? Ein Projekt nach dem Motto „L’art pour l’art“, scheint mir.

Die Forschung bietet dem Autor natürlich jede Menge spannende Details. Aber, was noch viel besser ist: Die Sprache leuchtet an manchen Stellen förmlich hervor. Boyle formuliert originell und ist ausgezeichnet übersetzt von Dirk van Gunsteren. Über eine Studentin, mit der Milk eine Vorlesung aufsucht, heißt es beispielsweise „[…] ich neben der sich putzenden Laura Feeney“, und ohne genau zu beschreiben, was sie tut, erklärt dieser Satz doch alles. Auch sehr erfreut war ich über die Wortschöpfung „Gerüchteköche“. Leider wurde mein Enthusiasmus kurz darauf vom Wort „Tischtennistisch“ gebremst.

Und das Versprechen des Prologs? So ganz wird es nicht eingelöst. Die Situation zwischen John und Iris ist nämlich deutlich weniger dramatisch, als es eingangs wirkte. Aber hey, besser als umgekehrt.

Was jetzt? Vielleicht stelle ich es neben Bukowski. Den würden die pikanten Details sicher brennend interessieren.

T.C. Boyle: „Dr. Sex“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2005. 472 Seiten, gebunden, 24.90 Euro.