Kategorie: Psychologie

#29 – Tobie Nathan: „Verliebt machen. Warum Liebe kein Zufall ist“

Provenienz: für die Recherche zu einem Artikel bestellt

Ungelesen seit: zwei Tagen

20141114_141754Wir haben es hier mit einem schönen Beispiel von strikt auf den Markt ausgerichteter Verkaufe zu tun. Zusätzlich zum Titel und Untertitel findet sich daher noch der Blurp aus L’Express auf dem Cover, in dem von Strategien die Rede ist. Man glaubt eine Auflistung von Tricks in der Hand zu halten, mit der man praktisch jedermanns Herz erobern kann. Aber so ist es nun wirklich nicht.

Tobie Nathan stammt aus Ägypten, lebt seit Jahrzehnten in Frankreich und ist dort einer der großen Intellektuellen. Psychologe, Ethnologe, und dann schreibt er auch noch Bücher und war als Kulturattaché in Israel und Guinea. Der gibt keine Tipps à la „Tragen Sie doch mal die Haare offen“. Nathan erzählt aus seiner Praxis im psychotherapeutischen Zentrum für Migranten, dessen Mitbegründer er ist. Dort hat er es immer wieder mit Menschen aus Kulturen zu tun, die ganz selbstverständlich daran glauben, dass Liebe erzeugbar ist. In Haiti können das Voodoo-Priester, und in Nordafrika gibt es den Geist Zar, der Menschen überwältigt und in einen Liebeswahn versetzt.

Nathans Patienten kennen einen solchen Liebeswahn. Ein Mann findet in seiner Sockenschublade ein kultisches Objekt, das seine Freundin dort versteckt hat, um Macht über ihn auszuüben. Eine Frau erliegt in Peru einer unvernünftigen Liebe, aus der sie nur ein Zaubertrank rettet. Eine andere schickt dem Mann, der sie verlassen hat, eine seltsame Konstruktion, woraufhin er krank wird. Schön schräg, das alles? Ja.

Nebenbei fächert Nathan bekannte und weniger bekannte Beispiele aus Mythologie und Literatur für den Liebeswahn auf. Wie König David, der sich in Batseba, die Frau seines Soldaten, verliebt. Und Tristan und Isolde, die versehentlich gemeinsam einen Liebestrank schlürfen und nicht mehr voneinander loskommen.

Mein letzter unglücklicher Liebeswahn ist erfreulich lange her, aber ich glaube, dieses Buch wäre damals perfekt für mich gewesen. Sonst fühlt es sich ja immer so an, als renne man gerade alleine in sein Unglück: Nur diese Liebe ist so groß, deshalb muss ich so leiden! Dabei leiden andere auch, und die Liebe stellt sich im Nachhinein manchmal als Strohfeuer heraus. „Wenn es weh tut, ist es keine Liebe“, sagte eine Freundin meiner Mutter oft. Ein Satz zum Merken.

Und die Tricks? Was ist mit den Tricks? Tja, die kommen ganz am Schluss, ein paar zumindest: Tobie Nathan glaubt tatsächlich, dass es hilft, die Geister anzurufen. Am besten dort, wo Menschen Bindungen eingehen: in der Kirche, in der Synagoge, im Standesamt. Außerdem möge man den anderen in suboptimaler Verfassung erwischen. Traurig könne er etwa sein oder sehr müde. Ich weiß noch nicht so recht, was ich von diesen Empfehlungen halten soll. Sicher ist: Die Traurigen und Müden dieser Welt fand ich noch nie besonders anziehend.

Was jetzt? Ich kenne da jemanden, der ist gerade in genau der richtigen Verfassung für dieses Buch.

Tobie Nathan: „Verliebt machen. Warum Liebe kein Zufall ist“. Aus dem Französischen von Christiane Landgrebe. Berlin Verlag, Berlin 2014. 239 Seiten, gebunden, 19.99 Euro.

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#27 – Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“

Provenienz: geschenkt bekommen

Ungelesen seit: zweieinhalb Jahren

Etwa vor zwei Jahren saß ich im Kino, und es kam der Trailer zum Film „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“, der übrigens heute Abend um 20.15 Uhr auf ProSieben läuft. Alles wirkte wie von Disney gemalt, und mein Begleiter schüttelte erbost den Kopf und sagte, dieses Kitschfestival werde dem Roman nun wirklich nicht gerecht.

Ich sagte „Aha“ wie Pu der Bär, wenn er etwas nicht verstanden hat, denn ich kannte das Buch überhaupt nicht. Es hat 2002 den Booker Prize gewonnen, das hatte ich entweder nicht mitbekommen oder den Titel vergessen. Wochen später bemerkte ich, dass es in meinem Bücherregal stand. Und da blieb es auch erst mal stehen.

20141102_105921Jetzt konnte ich der Empörung meines Begleiters endlich nachspüren. Es war aber eine zähe Angelegenheit: An diesem Buch habe ich fast zwei Monate lang herumgelesen. Erst kam mir eine Reisereportage dazwischen, dann die nächste, dann die Buchmesse. Dass ich trotzdem immer wieder Lust hatte, es in die Hand zu nehmen und neu einzusteigen, spricht für Yann Martel.

Der Roman hat drei Ebenen. Die offensichtlichste erzählt vom jungen Pi aus dem indischen Pondicherry, dessen Vater Zoodirektor ist. Die Familie beschließt, nach Kanada auszuwandern, und nimmt einige der Tiere mit, weil sie in Übersee Käufer gefunden haben. Doch der Frachter geht unter, Pi landet alleine auf einem Rettungsboot. Zumindest denkt er das. Bei genauerer Betrachtung ist bereits eine Tüpfelhyäne an Bord, ein Zebra landet nach einem verzweifelten Sprung von der Reling verletzt im Boot, ein Orang-Utan steigt zu, und einen Tiger rettet Pi aus dem Wasser. Fortan lautet die Frage eigentlich: Wer frisst wen zuerst?

Ich verrate wohl kaum zu viel, wenn ich sage: Pi und der Tiger bleiben übrig. Im Trailer des Films wirkte es, als entwickelte sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen den beiden. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn. Pi dressiert den Tiger, was funktioniert, solange der den besten Platz im Boot behalten darf, und der Tiger ist auf ihn angewiesen, weil Pi Fische für ihn fängt. Umgekehrt fühlt sich der Junge für die Raubkatze verantwortlich, was ihn am Leben hält. Es entwickelt sich eine Pattsituation. Das Leben an Bord ist hart, obwohl das Boot mit Notreserven und Gerätschaften zur Trinkwassergewinnung ausgerüstet ist. Hier habe ich allerdings einen einzigen kleinen Kritikpunkt: Es gibt Wasserdosen an Bord, Pi sammelt Regenwasser, und die Geräte produzieren bei Sonnenschein etwa sechs Liter Wasser am Tag. Das sollte für Pi und den Tiger doch einigermaßen reichen. Trotzdem verdurstet er fast.

Der zweiten Ebene widmet sich vor allem der Einstieg. Pi hat ein besonderes Verhältnis zur Religion: Als Hindu wurde er geboren, später lässt er sich zusätzlich taufen und tritt zum Islam über. Aber nicht etwa nacheinander, nein, er praktiziert all diese Religionen parallel mit großer Ernsthaftigkeit und Frömmigkeit. Dieser Aspekt tritt während des Dümpelns im Pazifik etwas in den Hintergrund. Natürlich betet Pi auch dort zu Gott, aber ich möchte den Schiffbrüchigen sehen, der das nicht tut. Später wird seine Religiosität wieder aufgegriffen – mit der dritten Ebene als Vehikel.

Die dritte Ebene tritt ganz zum Schluss aus der Kulisse. Der gerettete Pi erzählt von den Tieren im Boot, aber man glaubt ihm nicht so recht. Denn der Tiger hat sich sofort aus dem Staub gemacht, als das Boot einen Strand erreichte. Da erzählt Pi eine andere Geschichte, und dazu kann ich nun wirklich nichts verraten, außer: Alleine für diese Pointe lohnt sich das ganze Buch. Das ist ganz großartig.

Schließlich wird Pi gefragt, welche Geschichte denn nun wahr sei. Man einigt sich darauf, dass die mit den Tieren besser sei, auch wenn man die Wahrheit nicht kennen könne. Deshalb wolle man lieber diese glauben. Und hier kommen wir zurück zur zweiten Ebene: Denn so, sagt Pi, sei es ja auch mit der Religion.

Wir haben es also mit einem großen Gleichnis zu tun, einer Veranschaulichung der Kraft von Metaphern. Das klingt jetzt viel verkopfter, als es sich liest. Aber wenn ein spannendes Buch schon mal so viel Hintersinn aufweist, darf man ihn nicht unter den Tisch kehren.

Was jetzt? Das bleibt bei mir. Wird sehr liebgehabt und niemals verliehen.

Yann Martel: „Schiffbruch mit Tiger“. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2003. 528 Seiten, gebunden, 10 Euro.

#19 – Stephen Grosz: „Die Frau, die nicht lieben wollte – und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“

Provenienz: beim Mann aus dem Bücherregal geflogen, bei mir rein.

Ungelesen seit: vier Monaten

wpid-14028368270420-e1402836911772Irgendwo hab ich mal gelesen, dass „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ eigentlich ganz anders heißen sollte. Der Verlag bestand aber auf der Liebe im Titel, aus Marketinggründen. (Und er tat gut daran, hey, eine größere und romantische literarische Liebesgeschichte gibt es ja wohl kaum.) Jedenfalls fiel mir das wieder ein, weil „Die Frau, die nicht lieben wollte“ eigentlich die lahmste Geschichte im gleichnamigen Buch darstellt. Stephen Grosz ist Psychoanalytiker in London und hat aus seiner jahrzehntelangen Berufserfahrung einiges zusammengetragen, das zu lesen sich lohnt.

Die Geschichten sind wahr, aber die Details so verfremdet, dass die Patienten nicht mehr erkennbar sind. Wie zum Beispiel Peter, der einen Suizidversuch unternommen hat, bei dem er sich selbst mit einem Messer stach. Er hat die Angewohnheit, Freundschaften anzufangen und dann wieder hinzuschmeißen. Schließlich erfährt Grosz durch die Verlobte des Patienten, dieser habe sich nun das Leben genommen. Zwei Jahre später kommt er allerdings wieder zur Therapie. Er hat seinen Tod vorgetäuscht. Warum? Wie die Gespräche zeigen, aus Angst vor Abhängigkeit, weil er als Kind massiv vernachlässigt wurde.

Grosz führt seine Patienten erfreulicherweise nicht als Ansammlung skurriler Psycho-Probleme vor. Er erzählt vielmehr von seiner Herangehensweise und den Schwierigkeiten, die sich für ihn ergeben. Ein Patient schläft immer wieder ein. Eine Patientin wirkt fröhlich und sagt, es gehe ihr blendend, verletzt sich aber selbst. Eine berichtet nur von Panikattacken, ist aber in das Kindermädchen verliebt und versucht heimlich, wieder von ihrem Mann schwanger zu werden, damit die Geliebte den Haushalt nicht verlässt. Mit diesen Situationen zu Rande zu kommen, ist auch für den Therapeuten nicht leicht.

Besonders beeindruckend fand ich die Geschichte von einem verhaltensauffälligen Jungen namens Thomas. Er ist hochaggressiv, die bisherigen Diagnosen sprechen von Autismus, psychotischen und manischen Charakteristika. In den Gesprächen mit Grosz versucht Thomas, ihn auf jede nur erdenkliche Art zu beleidigen, zu provozieren und zu verärgern. Schließlich beginnt er, dem Therapeuten ins Gesicht zu spucken. Jedes Mal. Grosz spürt, dass das das einzige ist, was ihn wirklich wütend auf Thomas macht, und hinterfragt diesen Zusammenhang.

Schließlich stellt er fest, dass Thomas diese Wut unbedingt will – weil die Wut auf ihn zeigt, dass er auch anders sein könnte. Wer sich nicht ärgert, akzeptiert. Thomas will aber nicht akzeptiert werden, wie er ist, denn er ist selbst unglücklich damit. Als Grosz ihn darauf anspricht, sagt der Junge: „Mein Hirn ist kaputt, Blödmann. […] Habe ich Ihnen erzählt, dass meine Schwestern sich gegenseitig das Einmaleins abfragen? Sie sind jünger als ich und können schon so vieles, was ich nicht kann, weil ihr Hirne funktionieren. Meins ist Schrott. […] Das ist doch echt traurig, nicht?“

„Erst im Rückblick ist klar“, schreibt Grosz, „dass Thomas und ich in einer Sackgasse steckten, weil wir beide den Gedanken unerträglich fanden, dass er irreparabel gestört war.“ Erst die beiderseitige Akzeptanz dieses Umstandes führt zur Besserung. Das Kapitel heißt „Wie uns Wut vor Trauer schützt“, und dieses induktive Konzept, die Extremfälle aus der Praxis auf Menschen ohne pathologische psychische Probleme zu beziehen, hat mir sehr gefallen. In dem Zusammenhang sei noch der alte Mann erwähnt, der seine Kinder gerne öfter sähe, aber immer so an ihnen herummeckert, dass sie sich ewig nicht mehr blicken lassen. Dieses Muster kommt wahrscheinlich vielen bekannt vor. Die Erklärung des Psychoanalytikers lautet: Neid. Darauf kann man getrost ein paar Wochen lang herumdenken.

Was jetzt? Das bleibt. Es würde sich gut zwischen Ferdinand von Schirach und Oliver Sacks machen. Wenn ich nur wüsste, wo die sind.

Stephen Grosz: „Die Frau, die nicht lieben wollte – und andere wahre Geschichten über das Unbewusste“. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013. 235 Seiten, gebunden, 19.99 Euro.