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#10 – Richard David Precht: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“

Provenienz: Das habe ich mal zu einer WG-Feier mitgebracht bekommen. Ich glaube, es war unsere Ein-Kleidungsstück-Party. (Nein, es hat sich niemand an das Motto gehalten. An die guten Ideen hält sich ja sowieso nie jemand! Siehe auch „Weltfrieden“.)

Ungelesen seit: Wenn ich richtig liege, seit fünf Jahren.

13938433528500Auf die Gefahr hin, dass der oder die Schenkende von damals das hier liest: Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet dieses Buch bekommen habe. Richard David Precht beschreibt darin seine Kindheit und Jugend in Solingen als Kind von relativ bürgerlichen Kommunisten: Die Eltern glorifizieren die DDR und Summerhill, aber die Kinder sollen trotzdem bitteschön Abitur machen und abends pünktlich ins Bett. Diese Art Revolution.

Ich interessiere mich für nichts davon sonderlich. Interessiert sich überhaupt jemand für Solingen? Nein? Na gut. Es hat jedenfalls durchaus seine Gründe, dass ich das Buch fünf Jahre lang nur bei Umzügen angefasst habe. Und für so wenig Interesse meinerseits hat es mich eigentlich ganz gut unterhalten. Schreiben kann er ja, der Precht. Dass ich jetzt das Gefühl habe, den kompletten Inhalt schon im ersten Absatz wiedergegeben zu haben, spricht allerdings Bände.

Also en detail: Die Familie Precht adoptiert neben drei leiblichen Kindern ein Kind aus Vietnam und ein Kind aus Kambodscha. Sie singt Degenhardt-Lieder am Lagerfeuer mit langhaarigen Freunden. Sie wählt die ideologisch richtigen Kinderbücher aus. Als der kleine Richard mal in die DDR kommt, kennen die Kinder dort alle Lassie und Flipper – aber er selbst darf solche bösen, kapitalistischen US-Serien zu Hause in Solingen nicht gucken. Richard wächst übrigens lange kaum, dann plötzlich sehr groß, aber bei den Mädchen hilft ihm beides nicht. Die Kinder der Familie tragen grauenvolle Klamotten aus der Altkleidersammlung, weil es den Eltern egal ist, ob sie gehänselt werden: Schließlich gibt es so viel Wichtigeres auf der Welt.

Eigentlich hätte Precht bei diesen ganz persönlichen Erzählungen bleiben sollen. Leider hielt er es für nötig, an entsprechender Stelle noch mal die Geschichte der RAF zu referieren und nicht einfach die Auswirkungen auf die Überzeugungen der Eltern zu beschreiben. Das macht das Buch zu einer prima Politik-Lehrstunde für Jugendliche, aber Erwachsene können es großzügig überblättern. Dankbar war ich hingegen für die Informationen über den Vietnam-Krieg, denn der spielt im Bewusstsein meiner Generation eine untergeordnete Rolle. Insgesamt bleibt mir nach dem Buch der Eindruck, den ich weniger plastisch schon zuvor hatte: Der Kommunismus stellt ein großes ästhetisches Problem dar, ist aber eine schöne Idee. Und wie das mit guten Ideen so ist, habe ich ja schon eingangs erklärt.

Was jetzt? Mir ist genau eine Fünfzehnjährige bekannt. Bei nächster Gelegenheit bekommt sie dieses Buch in die Hand gedrückt. Bisschen politische Bildung, the easy way.

Richard David Precht: „Lenin kam nur bis Lüdenscheid. Meine kleine deutsche Revolution“. List Verlag, Berlin 2007. 351 Seiten, Taschenbuch, 8.95 Euro.

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